E-Autobahn : Lastkraftwagen unter Strom

Mit Strom aus der Oberleitung fährt ein LKW auf der Teststrecke in Groß Dölln.
Mit Strom aus der Oberleitung fährt ein LKW auf der Teststrecke in Groß Dölln.

Elektrifizierte Autobahnen und Straßen könnten Verkehrzuwachs ohne zusätzliche Umweltbelastungen ermöglichen

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18. November 2015, 08:00 Uhr

Es ist ein seltsamer Anblick. Ein Stück Autobahn in der Uckermark, zwei Spuren, kein Verkehr. Rechts am Fahrbahnrand, neben der Leitplanke, säumen Strommasten die Strecke. Im November-Nieselregen nähern sich zwei Lastwagen. Sie sehen aus, als trügen sie Geweihe auf dem Führerhaus. Es sind Stromabnehmer, die sich an eine Oberleitung drücken.

Was auf der 2,2 Kilometer langen Teststrecke von Siemens in Templin-Groß Dölln, 60 Kilometer nördlich von Berlin, zu beobachten ist, könnte bald Realität auf einem echten Autobahn-Abschnitt werden. Nach Tausenden Probefahrten mit mehreren Lkw-Prototypen seit 2011 sagt Siemens-Projektleiter Martin Birkner: „Wir sind bereit zur öffentlichen Erprobung.“

2017 soll es so weit sein. Das Bundesumweltministerium brachte die Verwirklichung mit der Bekanntmachung für das Förderprogramm zur Elektromobilität auf den Weg. Interessenten sollen für die Pilotstrecke bis Ende Februar 2016 Projektbeschreibungen einreichen. Nach Auswahl eines oder mehrerer Projekte könne im zweiten Halbjahr 2016 die konkrete Planung beginnen und 2017 die Installation, sagt Randolf Schließer, der beim Projektträger VDI/VDE Innovation + Technik im Auftrag des Ministeriums das Vorhaben betreut.

Ausgangspunkt für die Forscher war die Frage: Wie kann der wachsende Güterverkehr bewältigt werden, ohne den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid weiter zu steigern? In Deutschland erwartet die Bundesregierung ein Plus von 40 Prozent zwischen 2010 und 2030. Laut Prognose kann die Güterbahn nur ein Fünftel des Zuwachses übernehmen. Die meisten Transporte kommen auf die Straße.

Da liegen Lkw mit Elektroantrieb nahe - vor allem, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien wie Solar- oder Windkraft kommt. Weitere Vorteile: Elektromotoren arbeiten effizienter als Dieselmotoren und verpesten nicht die Luft. Weil heutige Akkus für Langstrecken-Transporte nicht stark genug und zu groß sind, besann sich Siemens auf bewährte Bahntechnik mit Oberleitung.

Mit den Fahrzeugbauern Volvo und Scania hat Siemens Hybridvarianten aus Elektro- und Verbrennungsmotor erprobt. Je nach Dimension der Batterie und Stärke des E-Motors fahren die Lkw ohne Strom aus der Leitung eine Weile elektrisch. Reicht die Leistung nicht mehr, schaltet sich der Dieselmotor hinzu. Will ein Elektro-Lkw überholen, senkt sich der Stromabnehmer, der Fahrer kann auf die Überholspur ausscheren. Nach dem Wiedereinscheren führen Sensoren den Stromabnehmer an die Leitung.

Der Praxistest soll zeigen, ob sich die Technik auf öffentlichen Straßen bewährt. Projektbetreuer Schließer hofft, dass sich ein Anlagenbauer, eine Transportfirma und das Land oder die Kommune, in der die Pilotstrecke entstehen soll, zusammen eine Bewerbung abgäben.

Siemens-Forscher Birkner setzt darauf, dass die Länder geeignete Strecken vorschlagen. Außer einem „möglichst langen Autobahnstück“ könnte das eine Pendelstrecke zwischen einem Hafen und dem Schienenanschluss sein. In der Nähe des Hafens von Los Angeles etwa ist ein solches Demonstrationsprojekt bereits im Bau.

Über den Erfolg der E-Lastwagen dürfte am Ende entscheiden, ob und wie schnell die Zusatzkosten für Infrastruktur und Fahrzeuge durch geringere Energiekosten im laufenden Betrieb ausgeglichen werden können. Bisherige Studien gingen davon aus, dass ein Kilometer Autobahn-Elektrifizierung bis zu 2,5 Millionen Euro koste, berichtet Birkner.

Der Projektleiter nimmt seine Zuversicht auch aus dem Blick in die Vergangenheit: „Die Elektrifizierung der Bahn entwickelte sich vor 100 Jahren ähnlich.“ Zum Abtransport der Kohle aus dem begbau seien damals in der Niederlausitz die ersten Pendelstrecken unter Strom errichtet worden. Heute sind alle wichtigen Eisenbahnstrecken in Deutschland voll elektrifiziert.

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