Zu viele Vögel : Kraniche bremsen Pläne für Windpark

Über die Zahl der Kraniche wird gestritten.
Über die Zahl der Kraniche wird gestritten.

Kaum eine Gemeinde möchte einen Windpark haben. Anders im uckermärkischen Hohenselchow: Dort erhofft man sich finanzielle Vorteile. Doch mit umstrittenen Kranich-Zählungen in der Region hat das Umweltamt die Pläne vorerst gestoppt.

svz.de von
15. März 2014, 15:43 Uhr

Es ist ein kleiner Ort 20 Kilometer nördlich von Schwedt. Gemeinsam mit Groß Pinnow bildet Hohenselchow eine 800-Einwohner-Gemeinde. Bürgermeister Norbert Dittmann kann alle Vorbehalte gegen Windräder nachvollziehen. „Aber immer noch besser als Atomkraft“, findet er.

In Abstimmung mit den Einwohnern macht sich Dittmann bei den zuständigen Behörden dafür stark, dass Teile der Gemeinde zum Windeignungsgebiet erklärt werden. Ein bis zwei Kilometer von den ersten Gehöften entfernt sollen sich die Mühlen drehen. Wie viele Räder und wie hoch sie sein sollen, das sei noch offen. Aber ein möglicher Investor stehe bereit. Der Deal würde dem Dorf nach Einschätzungen von Dittmann „erhebliche Steuereinnahmen“ bescheren. Außerdem würde sich der Investor um die Unterhaltung von Straßen kümmern sowie um den Baumbestand an Alleen.

Alles hatte man geprüft, auch die Kranichbestände. „Wir lieben diese imposanten Tiere. Sie gehören zur Region“, versichert der Bürgermeister. Dittmann wusste: Gibt es in einer Region besonders viele der geschützten Vögel, wird es für die Windparkpläne eng. Im Zehn-Kilometer-Umkreis um das potenzielle Windeignungsgebiet darf es demnach nicht mehr als 10 000 Kraniche geben.

Dokumentiert wurden in den vergangenen Jahren 6000 bis 8000 Tiere“, beteuert Dittmann. Aber Mitte 2013 waren es auf einmal 11 000 Kraniche. „Nicht 10 000, das wäre ja zu knapp über der magischen Zahl“, merkt er süffisant an. „Sondern 11 000.“

Der Bürgermeister hat ehrenamtliche Naturschützer und das Landesumweltamt unter Verdacht, so lange gezählt zu haben, bis ihnen das Ergebnis passt und die für die Vögel eventuell gefährlichen Windräder vom Tisch sind. „Die Zahlen sind falsch. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen“, sagt Dittmann. Vor einer Woche hat er Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) um Hilfe gebeten. Schließlich sei es im Landesinteresse, dass die Windräder errichtet werden. Sollte der Protest nichts bringen, werde die Gemeinde vor dem Verwaltungsgericht klagen, kündigt der Bürgermeister an.


Landesumweltamt hat eine andere Sicht


Das Amt verweist darauf, dass der Standort nicht nur wegen der Kraniche ungeeignet sei, sondern auch wegen anderer Vogelvorkommen. Insgesamt sei das Vogelschutzgebiet Randow-Welse-Bruch bedroht. „Die vorliegenden Untersuchungen konnten nach Einschätzung des Amtes nicht mit der erforderlichen Gewissheit nachweisen, dass es nicht zu erheblichen Beeinträchtigungen kommt“, teilt ein Sprecher mit.

Den Vorwurf, die Vögel falsch zu zählen, weist er zurück. „Im Herbst werden die rastenden Kraniche an sieben Terminen zwischen August und Oktober erfasst, wenn sie zur Dämmerung auf dem Schlafplatz einfallen.“ Geübte Ornithologen würden so auf sehr genaue Werte kommen, die dann noch einmal kontrolliert werden. Dass die Bestände schwanken und auch mal unter der entscheidenden Marke liegen, sei ganz normal. Im Schnitt würden alle zwei Jahre mehr als 10 000 Exemplare in der Region erfasst, in Spitzenjahren auch mal 14 000. „Es ist von einer regelmäßigen Nutzung auszugehen.“

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