Poststreik : Klo-Verbot für Postler

Seit fast vier Wochen im Ausstand: In Westmecklenburg wehren sich mehr als 500 Beschäftigte gegen Sparpläne der Post.
Seit fast vier Wochen im Ausstand: In Westmecklenburg wehren sich mehr als 500 Beschäftigte gegen Sparpläne der Post.

Logistikkonzern verschärft Ton gegenüber Streikenden / Beschäftigte haben Angst vor Repressalien

svz.de von
02. Juli 2015, 16:18 Uhr

Konfrontation am Werkstor: „Leicht fällt das nicht, die Arbeit niederzulegen“, erzählt die Mitvierzigerin. Wieder hat sie die Streikweste übergezogen, wieder steht sie gestern unter der Verdi-Fahne und dem Streikschild vor dem Tor des Briefverteilzentrums Schwerin, das auch die Prignitz beliefert. Seit gut vier Wochen nun gehen Zusteller und Mitarbeiter der Sortierzentren auf die Straße und widersetzen sich den Sparplänen der Post – der größte Postkonflikt der letzten 70 Jahre. Heute wollen die Tarifpartner an den Verhandlungstisch zurückkehren – Skepsis am Tor.

Vier Wochen Arbeitskampf, die Fronten verhärtet, in Schwerin lässt es die Post auf eine Kraftprobe ankommen: Gut 500 Postler beteiligen sich zwischen Perleberg und Schwerin am Ausstand, erklärt Verdi-Streikleiter Bernd Kunow – bis zu 90 Prozent der Belegschaft. Seit dieser Woche werde ihnen der Besuch der öffentlichen Kantine auf dem Postgelände verwehrt, zu den Toiletten auch – Zugangsverbot. Befristet angestellten Kollegen sei von den Chefs gedroht worden, die Verträge nicht zu verlängern, wenn sie am Streik teilnehmen würden, erzählen die Frauen und Männer am Streiktor. Ihre Namen wollen sie nicht nennen – zu groß ist die Angst vor Repressalien.

Die Post wiegelt ab. Kein Hausverbot für Streikende, kein Druck auf befristet Beschäftigte, weist Postsprecher Jens-Uwe Hogardt die Vorwürfe zurück. Aber, wer streike, habe kein Recht das Betriebsgelände zu betreten. Die Regelung sei jetzt umgesetzt worden. Auf jeden Fall aber werde das Streikrecht respektiert, so der Sprecher. Aber auch er muss gestehen, dass es in einem großen Unternehmen nicht auszuschließen sei, dass jeder Mitarbeiter immer den richtigen Ton treffe.

Und doch: Mit dem zu gut einem Fünftel in Bundesbesitz befindlichen Logistiker steht ausgerechnet ein Teilstaatsunternehmen dafür, dass in Zeiten boomender Wirtschaft immer offener Arbeitnehmerrechte beschnitten werden sollen. In dem Tarifkonflikt geht es um Bezahlung und Arbeitszeit für 140 000 Beschäftigte. Kern des Streits ist aber der Aufbau von 49 Paket-Regionalgesellschaften, in denen nicht die Post- sondern niedrigeren Löhne der Logistikbranche gezahlt werden sollen. Ausgliederung, veränderte Arbeitszeiten, Überstunden: „Die meisten haben Angst, das sie von weiteren Ausgliederungen betroffen sein könnten“, erzählt die alleinerziehende Mutter. Dagegen wehre sie sich. Und dafür würden die Kollegen Abstriche in Kauf nehmen – kein Lohn vom Chef, nur 85 bis 90 Prozent des Lohns als Streikgeld von der Gewerkschaft: „Lieber einen Monat weniger Geld, als lebenslang auf Geld verzichten zu müssen.“ Mehr als 20 Jahre sei sie bei der Post: „Ich bin auf das Geld angewiesen. Wenn es noch weniger wird, reicht es nicht mehr.“

Befristete Verträge, immer wieder verlängert: Das werde von Kollegen seit Jahren verlangt, meint Kunow. „Da ist nichts mehr planbar“, fügt ein Kollege hinzu. Vor Jahren habe die Post noch einen guten Ruf gehabt: „Ich hatte nie Existenzangst“, sagt die Mitvierzigerin: „Jetzt habe ich sie.“ Sparkurs bei den Arbeitern, Geldsegen bei den Aktionären: „Es geht nur um Profit“, meint ein Kollege aus dem Servicecenter: „Erschreckend.“ Erst vor Wochen haben die Aktionäre die höchste Dividende seit 2007 kassiert – 85 Cent je Aktie.

Doch je länger der Streik dauert, um so mehr schwindet die Akzeptanz: Frust bei den Kunden. Mehr als 15 Millionen Briefe sollen in der Region auf Zustellung warten, weniger als eine Million Pakete auch, schätzt Verdi. „Manchmal bekommt man ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kunden“, erklärt eine Zustellerin: „Aber was sollen wir machen?“ Die Postler würden nur ein Grundrecht wahrnehmen. Doch die Streikenden würden als Buhmann hingestellt, während der Konzern lieber tägliche Millionenverluste in Kauf nehme, statt an einer Tariflösung zu arbeiten. Die ist nicht in Sicht: An einem lassen die Postler vor dem Streiktor aber keine Zweifel: „Das ziehen wir durch“, sagt die alleinerziehende Mutter.  

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