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Die Bagger rücken näher : Hunderten droht die Umsiedlung

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Sie sind wütend und fühlen sich betrogen: Dutzende Demonstranten stehen vor der Herzberger Kreisverwaltung , wo sie erfahren, dass die Landesregierung grünes Licht für die Tagebauerweiterung Welzow-Süd bei Cottbus gegeben hat.

Sie sind wütend und fühlen sich betrogen: Dutzende Demonstranten stehen vor der Herzberger Kreisverwaltung (Elbe-Elster), wo sie erfahren, dass die Landesregierung grünes Licht für die Tagebauerweiterung Welzow-Süd bei Cottbus gegeben hat. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kommt gestern mit der Nachricht eigens auf die Straße - er erntet lauthals Buhrufe. Einige sind traurig - die meisten halten aber tapfer weiter ihre Transparente nach oben. Doch sie wissen, dass sie an diesem Tag eine herbe Niederlage erlitten haben. „Wir werden klagen“, kündigt ein wütender Bewohner von Proschim an.

Unter dem Dorf und weiteren Teilen der Stadt Welzow mit rund 3800 Einwohnern liegt die Braunkohle, die Vattenfall gerne ab etwa 2026 zusätzlich fördern will - rund 200 Millionen Tonnen sind es. 800 Menschen müssten umsiedeln, wenn die Grube erweitert wird. „Wir werden keinen Ziegel verkaufen und nicht einen Baum aus unseren Wäldern reißen lassen“, ruft der ältere Herr. Neben ihm stehen viele Umweltschützer und auch Grüne. Die Umweltorganisation Greenpeace will ebenfalls prüfen, ob geklagt wird. Der Widerstand werde jetzt verstärkt, kündigte Energieexperte Karsten Smid an.

Eine Straße weiter haben sich Braunkohle-Befürworter zusammengefunden. Die Industriegewerkschaft IG BCE hat einen Stand aufgebaut. „Wir wollen zeigen, dass es auch eine andere Seite gibt“, sagt die Bereichsleiterin von Cottbus, Ute Liebsch. Als Woidke wieder zurück in die Kreisverwaltung geht, sagt er: „Es ist immer eine schwere Entscheidung.“ Braunkohle sei eine Brückentechnologie hin zu erneuerbaren Energien und eine tragende Säule für die Wirtschaft in der Lausitz, wo man nicht auf Rosen gebettet sei.

Es ist ein Bekenntnis der rot-roten Regierung zu vielen Arbeitsplätzen in der Braunkohle-Industrie, aber auch eines zu einem besonders klimaschädlichen Energieträger, der nicht zum Image der Energiewende passen will. Im März hatte bereits Sachsen die Erweiterung des Tagebaus Nochten genehmigt. Dort droht Hunderten die Zwangsumsiedlung. Zudem läuft ein Braunkohlenplanverfahren für die Grube Jänschwalde-Nord - auch hier will Vattenfall mehr fördern und sogar ein Kraftwerk bauen.

Nordrhein-Westfalens Landesregierung dagegen begrenzte die Ausdehnung des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler II zumindest teilweise. Das Dorf Proschim ist zerstritten, wie Bürger bestätigen. Einer Rentnerin, die wenige Stunden vor der Entscheidung des Kabinetts vor ihrem Haus steht, schießen die Tränen in die Augen. „Der Wein ist älter als ich“, sagt sie mit erstickter Stimme und zeigt auf die grünen Blätter an ihrem gepflegten dunkelroten Backsteinhaus. Im Hintergrund kräht ein Hahn. Sie wurde hier geboren und lebt seit mehr als 60 Jahren hier. Aber sie verstehe auch, dass viele es als eine Chance für einen Neuanfang sehen, wenn sie umsiedeln würden. Und es gebe viele gut bezahlte Arbeitsplätze durch die Braunkohle. „Es gibt zwei Seiten.“

Proschim ist mit der jetzigen Rechtsverordnung der Landesregierung noch nicht verloren - die Bürger können in den bergrechtlichen Genehmigungsverfahren auf Verwaltungsebene noch ihre Einwände einbringen, bevor endgültig entschieden wird. Die Ortsvorsteherin Petra Rösch, die bislang kategorisch Gespräche mit Vattenfall abgelehnt hat, will in ihrer Funktion als Chefin des Firmenverbunds Proschim klagen. Rund 90 Arbeitsplätze würden zerstört - „dann sind wir weg“, bringt sie es auf den Punkt.

Die Rentnerin auf der Straße findet bezeichnende Worte dafür, was die jahrelangen Gespräche um Proschims Zukunft und das Braunkohlenplanverfahren gebracht hätten: „Die Entscheidung, ob Proschim zerstört wird, ist noch lange hin - die Dorfgemeinschaft und damit das Herz von Proschim ist aber längst zerstört.“

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