Bewertungsportale : Gastronomen stellen sich der Kritik

Bewertungsportale im Internet boomen seit Jahren. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes hat die Hälfte der Restaurantbetreiber negative Erfahrungen gemacht.
Bewertungsportale im Internet boomen seit Jahren. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes hat die Hälfte der Restaurantbetreiber negative Erfahrungen gemacht.

„Es waren eben die Nörgeleien eines Einzelnen.“ Der Manager, der für die drei Restaurants des Resorts zuständig ist, versucht auf jede Kritik im Internet zu reagieren – wenn dies möglich ist.

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15. August 2015, 08:00 Uhr

Die Goldene Hochzeit im Neuruppiner Restaurant „Seewirtschaft“ verlief erfolgreich, niemand hatte vor Ort etwas zu meckern. Dann folgte in der vergangenen Woche ein Eintrag im Internet, der für Axel Sack-Schulze ärgerlich war. Der Gastronomiechef des Resorts Mark Brandenburg hakte nach, lud den Gast ein, befragte den Ausrichter der Feier. „Der war jedoch hoch zufrieden, für uns eine große Erleichterung“, sagt Sack-Schulze. „Es waren eben die Nörgeleien eines Einzelnen.“ Der Manager, der für die drei Restaurants des Resorts zuständig ist, versucht auf jede Kritik im Internet zu reagieren – wenn dies möglich ist. „Manche lassen ihren Frust an uns aus, andere geben konstruktive Hinweise“, sagt er.

Auch Mario Kade, Inhaber des Potsdamer Restaurants „Pfingstberg“, reagiert grundsätzlich auf Internet-Kritiken. „Ich nehme das ernst“, sagt er. Nach seinen Erfahrungen seien Gäste anspruchsvoller als noch vor Jahren – hierzu würden auch TV-Kochsendungen beitragen. „Unsere Aufgabe ist es, diese hohe Erwartungshaltung zu erfüllen“, meint Kade. „Wenn ich 18 Euro für ein Essen zahle, dann sollte von der Tischdekoration bis zur Bedienung wirklich alles perfekt sein.“

Nach einer Umfrage des brandenburgischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga halten sich die Erfahrungen der Restaurantbetreiber die Waage. „Die Hälfte macht positive Erfahrungen, die andere negative“, sagt Geschäftsführer Olaf Lücke. Dem Trend werde sich aber niemand verschließen können. Der Verband leistet daher Aufklärungsarbeit, lädt auch Vertreter der Internet-Portale ein.

Zugleich wird derzeit der Start eines eigenen Portals vorbereitet: „Brandenburger Gastlichkeit“. Grundlage dafür sind Bewertungen von anonymen Testern. Ergebnisse von knapp 300 Restaurants, die sich daran beteiligt haben, liegen bereits vor. Anfang des kommenden Monats sollen diese online zu sehen sein. „Wir wollen auch dem Wildwuchs im Internet etwas entgegensetzen“, meint der Verbandsgeschäftsführer. Dass die Brandenburger Restaurants hohe Qualität aufweisen, daran hat Lücke keine Zweifel. „Fehler können dennoch passieren.“

Trotz einiger negativer Erfahrungen mit Online-Kritiken überwiegen für die Chefin des „Café Dorsch“ am Scharmützelsee dennoch die Vorteile. „Es kommen junge Gäste hierher, die nur über das Internet suchen und sich nach den Einträgen richten“, erzählt Madleen Vater. Sie hat sich über die Jahre ein dickes Fell zugelegt. Einmal mokierte sich etwa ein Gast über ihren „Brandenburger Charme“.

Zudem bezweifelt die Restaurantbetreiberin, dass die Bewertungen ausnahmslos von Gästen geschrieben werden. „Einige Gastronomen bestellen sich überschwängliches Lob bei Bekannten und Verwandten“, hat sie erfahren. Es sei verdächtig, wenn ein Nutzer sich erst kürzlich angemeldet und dann nur eine Bewertung geschrieben habe.

Eine Sprecherin von Tripadvisor, einem der weltweit führenden Bewertungsportale, erklärt jedoch, jeder Eintrag durchlaufe ein Prüfsystem. Bei Auffälligkeiten würden Mitarbeiter tätig. „Wir setzen in diesen Fällen auf spezielle Recherchetechnologien“, so die Sprecherin.

Spitzenkoch Carsten Rettschlag erkennt nur wenig Nutzen in den Bewertungsportalen. „Die Gäste verlieren doch den Überblick“, meint der Inhaber des „Juliette“ in Potsdam, der 2014 zum Brandenburger Meisterkoch gewählt wurde. „Mir wäre es einfach lieber, wenn Kritikpunkte direkt im Restaurant angesprochen werden“, so Rettschlag. Die gleiche Hoffnung äußert Mario Kade: „Wer unzufrieden war, sollte es persönlich sagen. Dadurch kann ich es mit dem Team auswerten.“ In diesem Fall würde er unzufriedenen Kunden auch einen Rabatt gewähren.

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