zur Navigation springen

Gemeinsame Nutzung Schwierig : Doch lieber das eigene Auto

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Carsharing funktioniert in Brandenburg bislang nur über Internet-Portale / Professionelle Anbieter sind rar

svz.de von
erstellt am 11.Sep.2014 | 07:56 Uhr

Carsten Neumann ist begeistert, obwohl die Nachfrage verschwindend gering ist. Der Besitzer eines VW Passat stellt seit gut einem Jahr seinen Wagen über das Internet-Portal „Nachbarschaftsauto“ zur Verfügung. Wer den Passat mieten will, muss 41 Euro am Tag zahlen. „Ich selbst fahre zu selten. Warum soll das Auto hier ungenutzt vor der Tür stehen“, sagt der Mann aus Brandenburg/Havel.

Bislang haben erst fünf private Nutzer den Kombi über „Nachbarschaftsauto“ geliehen, berichtet Neumann. Zwei konnten somit ihre Urlaubsreise antreten, ein anderer unternahm eine Geschäftsreise. „Die Idee muss hier erst noch reifen“, sagt Neumann. Sorgen hatte der Verleiher allerdings nie, dass der Wagen beschädigt zurückgebracht wird. „Alles verlief reibungslos. Selbst seine Blitzer-Rechnung hat einer klaglos gezahlt.“

In Brandenburg/Havel ist Neumann noch ein Carsharing-Pionier, mehr Wagen finden Interessenten erst in Potsdam und Umgebung. Christian Piepenbrock, Geschäftsführer des Berliner Startups, ist dennoch überzeugt, dass dieses Konzept in der Fläche funktionieren kann. „Die Regeln müssen klar sein, zudem muss eine bezahlbare Vollkasko existieren – dann ziehen immer mehr Leute mit.“

Nach Ansicht von Piepenbrock seien private Anbieter viel flexibler als Carsharing-Unternehmen. „Die brauchen meist eine große Einwohnerdichte, damit sich das Konzept rechnet“, meint er. Wenn man beim Nachbarn klingele und die Schlüssel persönlich in Empfang nehme, werde zudem Vertrauen aufgebaut. Die Übergabe erfolgt mit einem Protokoll, die Abrechnung übernimmt das Unternehmen.

Dass Carsharing in Brandenburg eine Zukunft hat, davon ist auch Rainer Fornell überzeugt. Der Bürgermeister von Panketal (Barnim) wagte vor anderthalb Jahren ein Experiment: Er überredete den Anbieter Flinkster, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, einen Elektro-Kleinwagen am Rathaus der Gemeinde zu stationieren. Dieser wird nun von Verwaltungsmitarbeitern für Dienstfahrten und von Bürgern für Ausflüge genutzt.

Große Potenziale für Car- sharing sieht Fornell allein schon in brandenburgischen Verwaltungen, die teilweise über einen beträchtlichen Fuhrpark verfügen, der aber am Wochenende ungenutzt ist – eine Idee, die jüngst auch von den Grünen propagiert wurde.

Fornell wirbt auch bei Amtskollegen dafür, dass sie sich dem Carsharing-Netz anschließen, bislang allerdings ohne Erfolg. Zudem ist die Nachfrage von Bürgern in Panketal noch „sehr verhalten“. In der 19 000-Einwohner-Kommune seien knapp 15 000 Autos registriert, sagt der 50-jährige SPD-Mann. „Die wollen auf ihren eigenen Wagen nicht verzichten. Carsharing ist hier momentan noch was für Idealisten.“

Dies hat auch Marit Uhlig erfahren, die Carsharing als Geschäftsmodell im nördlichen Speckgürtel etablieren wollte. „Das Interesse war einfach zu gering“, sagt die Heilpraktikerin aus Borgsdorf (Oberhavel). In drei Jahren hätten nur sechs Autofahrer den extra angeschafften Kleinwagen genutzt – viel zu wenig, um die Kosten zu decken. Die Gemeinde wollte sich nicht beteiligen. „Die Zeit war hier noch nicht reif“, lautet ihr Fazit.

Auch große Anbieter agieren in der Mark eher vorsichtig. So hatte das Luxemburger Unternehmen Citeecar, das bislang nur in Metropolen tätig ist, einen Feldversuch in Potsdam gestartet – und nach wenigen Monaten beendet. Auch die DB-Tochter Flinkster, Branchenprimus mit 270 000 Kunden und 3600 Wagen, bietet einige Leihautos bislang nur in Cottbus und Potsdam an. „Wenn eine Gemeinde so ein Engagement wie Panketal zeigt, sind wir für Gespräche offen. Aber wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, es muss sich rechnen“, sagt DB-Fuhrpark-Sprecherin Susan Saß.

Gabi Lambrecht vom Bundesverband Carsharing sagt, dass der Osten allgemein noch Aufholbedarf beim Teilen von Fahrzeugen hat. In Süddeutschland dagegen existieren seit mehreren Jahrzehnten ehrenamtlich geführte Initiativen für Carsharing. „Das funktioniert dann selbst in abgelegenen Orten“, meint sie.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen