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Wirtschaft : Autoteile-Hersteller gerettet

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Unternehmer und Politik helfen einem abgebrannten Betrieb beim Neustart im uckermärkischen Prenzlau

svz.de von
erstellt am 18.Dez.2015 | 09:10 Uhr

Die Angst vor dem Feuer steckt Mitarbeitern und Werkleitung immer noch in den Knochen. Ein Großbrand und ein zweites Unglück auf dem Firmengelände des Autoteilezulieferers Boryszew in Prenzlau hatten den dortigen Standort des weltweit agierenden Konzerns infrage gestellt. Doch die uckermärkische Kreisstadt will das polnische Automotive-Unternehmen unbedingt halten. „Jetzt erst recht“, verkündet Bürgermeister Hendrik Sommer nach dem Fiasko und nagelt den 350-Mann-Betrieb auf dem Gewerbegebiet fest. Erst banges Warten, dann die Entscheidung der Konzernspitze: Wir bleiben.

Sichtlich erleichtert erscheint der Bürgermeister mit führenden Vertretern des Unternehmens auf einer öffentlichen Bürgerveranstaltung. Sie kommen gerade vom Notartermin. Boryszew hat 4,4 Hektar Land gekauft und will eine 14 500 Quadratmeter große Werkhalle bauen. „Eigentlich gab es die Idee, in Polen das neue Werk zu bauen“, erklärt Geschäftsführer Lutz Suhrbier. „Das wurde zugunsten von Prenzlau gestoppt, nicht zuletzt wegen der ausgezeichneten Mitarbeiter.“ Momentan verlangt Boryszew viel von ihnen. Unter teilweise chaotischen Bedingungen läuft derzeit die Produktion. Das Werk stellt verchromte Kunststoffteile für zahlreiche Autotypen aus aller Welt her. Wegen des Feuers, bei dem wichtige Teile der Fertigung zerstört wurden, hat der Betrieb bei Unternehmen in der Nachbarschaft provisorisch Unterschlupf gefunden.

Eine eigene große Werkhalle auf dem Gelände eines früheren Armaturenwerkes aus DDR-Tagen ist zunichte. Eiligst hat man gleich gegenüber Bürocontainer aufgestellt. Eine regelrechte Hilfswelle erfüllt Prenzlau. Unternehmen stellen freies Gelände, Hallen und Kapazitäten zur Verfügung.

Um seine Lieferaufträge zu erfüllen, rollen nun die im Spritzguss produzierten Teile per Lastwagen 500 Kilometer nach Erfurt in eine angemietete Galvanik-Abteilung. Von dort kehren sie wieder nach Prenzlau zur Montage zurück. 32 Leute pendeln ständig zwischen Thüringen und der Uckermark. „Die Belastung der Mitarbeiter wächst“, sagt Lutz Suhrbier. Er zählt die Tage bis zum Einzug in die neue Fabrikhalle. Erster Spatenstich ist im Februar. Produktionsanlauf: Ende 2016. Es geht Schlag auf Schlag.

Der Bürgermeister macht Druck. Seine Stadt leidet unter einer der höchsten Arbeitslosenraten ganz Deutschlands. Und das seit 25 Jahren. Wo Autoteile gebaut werden – so der offen geäußerte Gedanke –, rücken vielleicht andere Unternehmen der gern gesehenen Branche nach. Der Prenzlauer Standort soll den globalen Automotive-Anteil von Boryszew erhöhen. Hauptkunde in Deutschland ist Volkswagen. Doch auf der Lieferliste stehen viele weltbekannte Namen. Sie bestellen verchromte Tür-innengriffe, Typenschilder, Zierringe, Außenleisten.

Hilfe bekommt Boryszew von allen Seiten. Gerade hat das Land Brandenburg einen positiven Bescheid seiner Investitionsbank ausgestellt. 21 Millionen Euro kostet der Neubau. 28 Spritzgussmaschinen sollen hier später im Schichtsystem laufen. Die ersten spucken in einer verbliebenen Produktionshalle unablässig Kunststoffteile aus.

Weil er wegen Schwangerschaft und Arbeitszeiten gute Mitarbeiter verloren hat, lässt Lutz Suhrbier nun im neuen Betrieb extra Mutti-Arbeitsplätze einrichten. Auch wegen der Sicherheit. Für Galvanik und Chemikalienlager läuft ein eigenes Immissionsschutzverfahren. Wassergefährdende Stoffe strömen im Havariefall in riesige Auffangwannen. Ein neues Brandschutzkonzept sichert sogar das Löschwasser.

Der Bürgermeister schaut am Ende der Versammlung zufrieden in die Runde. Wer Probleme hat, soll sich direkt an ihn wenden. Prenzlau wird Autostadt.

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