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Extrem Teure Haftpflicht : Aufschrei der Hebammen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Geburtshilfe hängt am seidenen Faden, weil immer mehr Frauen von ihrem Job nicht mehr leben können und aufgeben.

Dass sie am Abend zuvor nach ganzen 40 Stunden auf den Beinen nur noch wie ein Stein ins Bett gefallen ist, sieht man Simone Heyer nicht an. Fit und mit einem Strahlen im Gesicht sitzt die freiberufliche Hebamme an diesem Nachmittag in ihrer kleinen Praxis in Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) und berichtet von der Geburt, die sie hier am Vortag begleitete. Sie schwärmt von dem Geschrei des kleinen Jungen und dem Glück seiner Mutter, die ihr Kind weder im Krankenhaus noch in den eigenen vier Wänden zur Welt bringen wollte. Die Geburt sei die Sahnehaube in ihrem Job, sagt Simone Heyer. „Dafür schlägt man sich die Nächte doch gerne um die Ohren.“

Dennoch steigen immer mehr ihrer Kolleginnen aus der Geburtshilfe aus und konzentrieren sich allein auf die Vor- und Nachsorgeuntersuchungen. Grund sind die immens gestiegenen Beiträge für die Haftpflichtversicherung, die jede freie Hebamme abschließen muss, wenn sie Geburten betreut. Zahlte sie dafür im Jahr 2000 noch um die 400 Euro, so waren es 2012 schon mehr als 4000, heißt es beim Deutschen Hebammenverband (DHV). Ab Juli sind für seine Mitglieder jährlich etwa 5000 Euro fällig.

Zugleich lassen die Krankenkassen die Vergütungssätze für Hebammen praktisch stagnieren. Der durchschnittliche Nettostundenlohn einer Freiberuflerin liegt seit Jahren konstant bei 7,50 Euro, hat der DHV berechnet. Auch Simone Heyer bleibt nur ein bescheidenes Sümmchen, wenn Betriebsausgaben, Sozialversicherungsbeiträge und Haftpflichtprämie bezahlt sind. Dass sie dennoch über die Runden kommt, habe sie ihrem Mann zu verdanken, der das Gros des Einkommens der Familie sichert, erzählt die 40-Jährige.

Der Anstieg der Haftpflichtprämien hängt mit wachsenden Schadensersatzforderungen zusammen. Zwar ist die Geburtshilfe durch Hebammen nicht schlechter geworden; auch steigen die Fälle, in denen Kinder einen Schaden bei der Geburt erleiden, nicht an. Wohl aber steigen die Summen, die die Eltern bekommen. Schadensersatz in Millionenhöhe sprechen Gerichte geschädigten Kindern und ihren Eltern mittlerweile zu. Denn eine kleine Unaufmerksamkeit einer überlasteten Hebamme kann lebenslange Folgen haben.


Es droht praktisch ein Berufsverbot


Die Kranken- und Pflegekassen holen sich das Geld für Behandlungen und Pflege wenn möglich von der Haftpflichtversicherung beklagter Geburtshelferinnen zurück. Für die Versicherer wird die Geburtshilfe somit zum Minusgeschäft. Die Folge: Große Unternehmen haben sich aus der Berufshaftpflicht für Hebammen bereits zurückgezogen; im Sommer 2015 steigt ein weiteres aus. Wie es dann weitergeht, ist ungewiss. Im schlimmsten Fall stehen zig freie Geburtshelferinnen dann ohne Haftpflichtschutz da. Somit droht ihnen faktisch ein Berufsverbot, sagt DHV-Präsidentin Martina Klenk. „Die Politik ist aufgefordert, endlich zu handeln.“

Bislang blieben derlei Mahnungen wirkungslos. Inzwischen hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aber angekündigt, sich um die Belange der Hebammen zu kümmern.

Derweil geht der seit Jahren andauernde Protest von Hebammen und Eltern weiter. Mehrere tausend Menschen haben am Wochenende in Berlin auf die Existenz-Angst der freiberuflichen Hebammen aufmerksam gemacht. Nach Angaben des Veranstalters, einem Aktionsbündnis, kamen rund 4000 Menschen zur Demonstration. Die Polizei sprach von etwa 2000 Teilnehmern.

Am Freitag wurde bekannt, dass eine Gruppe von Versicherern ein auf ein Jahr befristetes Angebot mit einer Steigerung der Prämien um 20 Prozent anbietet. Eine Hebamme müsste damit eine Versicherungssumme von mehr als 6000 Euro pro Jahr bezahlen. Die Hebammen kritisieren den Vorschlag als überteuerten und kurzfristigen Schnellschuss.

Simone Heyer sagt: „Wenn die Politik jetzt nicht reagiert, bricht die ganze Geburtshilfe in Deutschland zusammen.“ Dass sich immer mehr Kolleginnen von der Geburtshilfe verabschieden, sei nachvollziehbar.

Zugleich führe die Entwicklung aber dazu, dass diejenigen, die übrig bleiben, immer öfter ausgebucht sind. „Wir stoßen an unsere Belastungsgrenze“, sagt die Mutter dreier Kinder, die sich vor nunmehr fast 20 Jahren als Hebamme selbstständig gemacht hat. „Inzwischen muss ich Geburten ablehnen, obwohl ich das eigentlich gar nicht will.“

Grund zur Sorge hätten entsprechend auch werdende Mütter. Heyer spricht von katastrophalen Zuständen vor allem in ländlichen Regionen. Auch für Krankenhäuser werde es zunehmend schwerer, festangestellte Hebammen zu finden. Der Job bedeute viel Arbeitszeit, hohe Verantwortung und schlechten Verdienst. Entsprechend fehle der Nachwuchs.

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