Verkoster : Alkohol trinken ist sein Job

Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps? Dieser Spruch greift bei dem Grünberger Harald Gregor nicht. Hier muss er für seinen Arbeitgeber gerade einen Weinbrand probieren.
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Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps? Dieser Spruch greift bei dem Grünberger Harald Gregor nicht. Hier muss er für seinen Arbeitgeber gerade einen Weinbrand probieren.

Hat Harald Gregor aus Grüneberg (Oberhavel) den besten Job der Welt? Der 58-Jährige ist sich da zwar nicht so sicher. Schmunzelnd sagt er aber: „Nun ja, es ist schon meine erste Beschäftigung, bei der ich während der Arbeit Alkohol trinken darf.“

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20. März 2014, 12:15 Uhr

Harald Gregor ist bei dem bekannten Spirituosen-Hersteller Schilkin in Berlin Alt-Kaulsdorf angestellt. Er muss sicherstellen, dass die Schnäpse und Liköre, die dort abgefüllt werden, auch so schmecken, wie sie sollen. Korrekt heißt seine Tätigkeit Beauftragter für Qualitätsmanagement. Der Mann aus Grüneberg ist zuständig für die Überwachung der Qualität und die Produktsicherheit. Und das schließt auch die regelmäßig stattfindende Schnapsverkostung mit ein. „Im Vergleich zum Kaffeetester, der sein Produkt ja nicht herunterschluckt, tun wir das sehr wohl. Wir müssen ja wissen, wie die Spirituose im Abgang wirkt“, erklärt er lächelnd.

Natürlich darf Harald Gregor bei einem so verantwortungsvollen und komplexen Job keinen in der Krone haben. Schilkin-Produkte unterliegen wie jedes Lebensmittel in Deutschland sehr strengen Qualitätskontrollen. Der im 19. Jahrhundert in Russland gegründete Familienbetrieb produziert heute je nach Saison zwischen einer und zwei Millionen Flaschen im Monat. Der Jahresumsatz belief sich 2013 auf 50 Millionen Euro. Zu DDR-Zeiten kannte jeder den Kaffeelikör, den Goldbrand oder den Apricot Brandy. Aktuell ist der Pfefferminzlikör „Berliner Luft“ einer der großen Renner. Geführt wird das Unternehmen heute von den Nachfahren des Gründers Apollon Fjodorowitsch Schilkin in dritter und vierter Generation. Geliefert wird nach ganz Deutschland, aber auch in den arabischen Raum, nach China und in die USA. Selbst gebrannt wird bei Schilkin seit 1982 nicht mehr. Der Alkohol und die Zutaten kommen per Lkw. All das soll reibungslos funktionieren. Sämtliche Rohstoffe müssen absolut keimfrei angeliefert werden, um ein Okay von Harald Gregor zu erhalten.


Neben Talent ist vor allem Training nötig


Dass der die richtigen sensorischen Anlagen auch als Produkt-Verkoster hat, war nicht von Anfang an klar. „Das ist Trainingssache“, sagt der 58-Jährige. „Verkosten hat nichts damit zu tun, ob man ein Produkt mag. Man muss beurteilen, ob es so schmeckt, wie der Konsument es erwartet“, erklärt er. „Zur Spirituose muss man einen professionellen Abstand wahren. Man muss die einzelnen Zutaten herausschmecken mit Nase, Zunge und allem, was man dafür hat.“ Überprüfen muss der Qualitätsmanager auch die richtige Trübung und Farbgebung in den Flaschen, die über die Fließbänder laufen. Was der Mensch nicht selbst registriert, übernimmt das hauseigene Labor.

Harald Gregor ist seit 1999 bei dem Berliner Betrieb beschäftigt, zunächst im Vertrieb. Dort lernte er alle Lieferwege und Produktionsabläufe kennen. Das ist zwingend nötig, um ein guter Qualitätsmanager zu sein. „Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, sagt er allerdings.

Gregor stammt aus Torgau in Sachsen und hat Chemie studiert. „Alkohol war schon immer ein interessantes Element“, sagt er. Viele Jahre hat er beim Sachsener TÜV in einem zugelassenen Umweltlabor gearbeitet, war dort auch Ausbilder. Anfang der 1980er-Jahre verschlug es ihn dann aus familiären Gründen ins Löwenberger Land. Bevor er zum Spirituosen-Hersteller Schilkin kam, war er Verkäufer in Oranienburg (Oberhavel).


Gregor ist privat kein starker Trinker


Privat trinkt Harald Gregor kaum Alkohol. „Allein, also zu Hause genehmige ich mir eigentlich kaum Schnaps oder Bier. Ich trinke nur in Gesellschaft. Natürlich habe ich auch meine Erfahrungen und habe sicher auch mal etwas über die Stränge geschlagen“, fügt er der Ehrlichkeit halber hinzu. Und was bevorzugt der Kenner, wenn er sich doch mal ein Gläschen gönnt? „Ich selbst mag Produkte unbekannter Hersteller, wie einen guten Whisky oder saisonale Schnäpse.“

Das Schnaps-Testen nimmt bei Schilkin nur einen kleinen Teil des Tagesgeschäfts ein. Ein bis zwei Mal in der Woche trifft sich dann aber doch ein Team von Verkostern. „Es besteht aus einer ungeraden Zahl von Leuten. Sie kommen aus allen Bereichen der Firma, dem Marketing, dem Vertrieb“, erklärt Harald Gregor. Dann wird in einem Verkostungsraum genippt – die geschmacklich sanftesten Sorten zuerst, dann die stärkeren. 20 Proben nacheinander, das kann schon vorkommen. Damit die Mitarbeiter Zeit zum Ausnüchtern haben, bevor sie nach Hause müssen, sind die Verkostungen vormittags angesetzt. „Die Teilnahme ist für niemanden Pflicht, jeder muss natürlich selbst verantwortungsvoll handeln“, berichtet Gregor.

„Betrunken ist bei uns niemand“, versichert auch Senior-Chef Peter Mier. Der Geschäftsführer verweist auf den Slogan „Maßvoll genießen“, mit dem die Spirituosen-Industrie an die Vernunft ihrer Käufer zu appellieren versucht. „Das hat große Bedeutung für uns“, sagt Peter Mier. Ihr Schlagwort halten die Spirituosen-Macher denn auch für verantwortungsvoller, als den Spruch der Bier-Brauer „Kenn dein Limit“.

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