Linke : „Wir wollen wieder nach oben"

Katharina Slanina (l) und Anja Mayer kandidieren am Wochenende auf dem Parteitag in Templin für den Brandenburger Landesvorsitz der Linken.
Katharina Slanina (l) und Anja Mayer kandidieren am Wochenende auf dem Parteitag in Templin für den Brandenburger Landesvorsitz der Linken.

Linken wollen die weißen Flecken auf ihrer Landkarte besonders in den ländlichen Gebieten schließen

23-73975943_23-73975944_1442577015.JPG von
22. Februar 2020, 05:00 Uhr

Bei den Landtagswahlen im September erlebten Brandenburgs Linke einen schlimmen Absturz. Die Regierungsbeteiligung ging verloren, nur noch zehn Abgeordnete stellt die Partei im Landtag. Beim Landesparteitag am Samstag und Sonntag in Templin treten mit Anja Mayer und Katharina Slanina zwei Frauen an, um als gleichberechtigte Vorsitzende die Partei aus dem Tief zu führen. Benjamin Lassiwe hat mit beiden gesprochen.

Frau Mayer, Frau Slanina, wo stehen die Linken jetzt, vier Monate nach der Landtagswahl?
Katharina Slanina: Es gab vielfache Auswertungen und Gesprächsrunden. Wir hatten Regionalkonferenzen. Wir haben uns sortiert und wir haben eine Richtung, in die wir uns entwickeln wollen – nämlich prozentual wieder nach oben.
Anja Mayer: So ein Wahlergebnis haut natürlich rein. Dass sich eine Partei dann auch die Zeit nimmt, sich eine Weile lang damit auseinanderzusetzen, finde ich in Ordnung. Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir uns wieder auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren müssen: Für soziale Gerechtigkeit in diesem Land zu sorgen.
Katharina Slanina: Das heisst aber nicht, dass wir die Ergebnisse der Wahlen jetzt nicht weiter aufarbeiten wollen! Das ist ein andauernder Prozess und der wird auch nicht mit dem Parteitag abgeschlossen sein. Ganz im Gegenteil, wir bleiben da weiter dran.

Wer die Linken im Landtag erlebt, hat im Moment eher den Eindruck, dass Aktionismus wichtiger ist, als eine Strategie. Wie nehmen Sie das im Verband wahr?
Anja Mayer: Wir haben uns natürlich erst einmal auf den Landesverband konzentriert. Es ist wichtig, möglichst viele Perspektiven in die Wahlauswertung einfließen zu lassen. Nichts desto trotz hat die Landtagsfraktion das eine oder andere aus unserem Wahlprogramm bereits in Angriff genommen. Sie haben ein 100-Tage-Programm vorgelegt, was der Landesregierung nicht gelungen ist.
Katharina Slanina: Ich stelle aber auch jetzt schon fest, dass die Wahrnehmung der Fraktion an der Basis gut ist! Die Menschen haben das Gefühl, dass die Fraktion zielgerichtet arbeitet und nach außen wirkt.

Ist es einfacher für die Linken, wenn sie in der Opposition sind?
Katharina Slanina: Das ist zunächst einmal eine gemeine Frage.
Anja Mayer: Wir haben doch gerade in Brandenburg bewiesen, dass wir beides können: Regierung und Opposition. Ich finde, die Zeit vor unserer Regierungsbeteiligung war eine Zeit, wo wir sehr stark, sehr wahrnehmbar und sehr verankert in der Bevölkerung waren. Während der Zeit in der Regierung haben wir uns eher auf die tiefe Sachebene konzentriert. Und nun müssen wir einen Weg finden, wie wir die erneute Opposition gestalten können. Da werden wir unseren Weg finden.

Sie haben als Partei im Wahlkampf die Volksinitiative zu den Hohenzollern gestartet. Wann haben Sie die 20 000 Unterschriften denn zusammen?
Anja Mayer: Wir laden am 21. März zu einem Aktionstag ein, wo wir an Haustüren klingeln und um Unterschriften bitten werden. Dabei bekommen wir sogar Hilfe aus benachbarten Landesverbänden. Wir sind im ganzen Land unterwegs und werden dann die noch fehlenden Unterschriften sicher zusammen bekommen.

Warum ist es bei Insekten einfach, eine Volksinitiative mit 20 000 Unterschriften zusammenzubekommen und bei den Hohenzollern so schwer?
Katharina Slanina: Weil Insekten knuffelig sind. Nein, im Ernst: Bei den Insekten haben die Menschen Bilder vor Augen. Bei den Hohenzollern geht es um eine historische Frage, die nicht einfach ist. Deswegen ist es da schwerer und komplizierter, Unterschriften zu sammeln.
Aber sagt das nicht auch was über die Kampagnenfähigkeit der Partei, wenn sie im Unterschied zu Naturschützern und Landnutzern selbst für die 20 000er-Stufe so lange brauchen?
Anja Mayer: Ich finde, es sagt etwas über Kampagnenfähigkeit aus, wenn wir es schaffen, in einer Woche 200 Menschen zur Großdemonstration gegen die AfD in Erfurt zu mobilisieren. Und was die Hohenzollern betrifft: Es ist schon ein Unterschied, ob man Vereine, Verbände oder Bürgerinitiativen hat, die für ein Thema mobilisiert sind, und herumlaufen und Unterschriften sammeln, oder ob man auf der anderen Seite eine Partei ist, der das Thema eine Herzensangelegenheit ist und die dafür ständig von den Hohenzollern verklagt wird. Aber ich bin stolz darauf, dass wir trotzdem aktuell 16.250 Unterschriften zusammen haben und uns täglich neue Listen zugeschickt werden.
Katharina Slanina: Ich finde, es geht darum, dass man sich auch Themen annimmt, die nicht Mainstream sind. Dafür gehen wir ganz bewusst diesen steinigen Weg.

Wenn Sie sich Thüringen anschauen: Hat die Linke noch andere Regierungsoptionen, als rot-rot-grün?
Anja Mayer: Auf rot-rot-grün angewiesen sind wir nicht. Wir können auch eine eigenständige Politik machen. Aber wenn man sich die Zuspitzung, die in Erfurt in diesem Tabubruch nun gegipfelt ist, anschaut, dann wird es darauf hinauslaufen, dass sich eine CDU aus meiner Sicht entscheiden muss, ob sie im Lager der Solidarität ist, oder ob sie nach rechts hin offen ist. Und das wird auch die FDP weiter beweisen müssen.

Wären Sie denn offen für CDU und FDP, wenn beide „ins Lager der Solidarität“ gingen?
Anja Mayer: Sie wissen, dass wir auf kommunaler Ebene hin und wieder eine gute Zusammenarbeit mit beiden Parteien haben. Ich glaube, dass es durchaus manche Gemeinsamkeiten gibt – auch wenn ich unsere Partei natürlich im progressiven Spektrum verorte. Da muss sich einfach auch die CDU entscheiden, ob sie dahin will, oder nicht.

Was soll die Linke denn inhaltlich in Brandenburg in den nächsten Jahren bewegen? Wo kann sie etwas bewegen?
Anja Mayer: Als Partei haben wir natürlich das US-Manöver „Defender 2020“ vor Augen, wo wir in diesem Frühjahr noch weitere Aktionen planen. Dann geht es uns um den öffentlichen Nahverkehr – da planen wir als ersten Schritt ein Fachgespräch, weil wir da in der Partei durchaus unterschiedliche Positionen haben. Gesundheit und Pflege wird weiter ein Thema sein, aber auch die Frage der Löhne und der Altersarmut.
Katharina Slanina: Und mir liegt der ländliche Raum mit seinen unterschiedlichen sozialen und ökologischen Problemen natürlich besonders am Herzen. Ich komme ja vom Land und kenne die Situation hautnah.
Wenn Sie bei sich zu Hause durchs Dorf gehen, und sagen: „Die Linke ist gegen Defender 2020“, wie reagieren die Menschen dann?
Katharina Slanina: Die Menschen reagieren schon darauf. Sie haben vielleicht nicht unbedingt den Weltfrieden im Kopf, aber man darf ja nicht vergessen, dass die Truppentransporte durch Brandenburg auch Infrastruktur belasten. Neu gemachte Straßen gehen kaputt. Schienenwege werden gesperrt. Und das sind für mich dann Anknüpfungspunkte, wo ich dann auch linke Themen ansprechen kann. Dass man weiterdenkt: Denkt doch einmal daran, warum die da hinfahren. Dass das geht, habe ich auch in meinem Wahlkampf zum Bürgermeisteramt gezeigt, wo ich fast gewonnen hätte, weil ich die Linke in hunderten persönlichen Gesprächen nach außen getragen habe.

Dennoch haben Sie in vielen ländlichen Regionen keine Parteistrukturen mehr...
Katharina Slanina: Das stimmt. Auch da müssen wir wirklich unbedingt ran. Die weißen Flecken, die es heute auf der Landkarte gibt, müssen wir wieder schließen. Die Mitgliederzahlen sind ein großes Thema: Wir wollen dafür sorgen, dass die Zahl unserer Mitglieder wieder steigt. Wir dürfen nicht bei den Zahlen stehenbleiben wo wir stehen. Und wir verzeichnen ja tatsächlich auch Zulauf durch die Situation in Thüringen.

Glauben Sie, dass es Ihnen gelingt, junge Linke etwa von der Universität Potsdam für den ländlichen Raum zu begeistern?
Katharina Slanina: Ich muss die jungen Potsdamer nicht für den ländlichen Raum begeistern, weil wir dort selber engagierte junge Leute haben. Aber sie zusammenzubringen, sie nicht sich selbst zu überlassen, das ist etwas, das eine linke Partei immer anstreben sollte.
Anja Mayer: Die Leute, die jetzt wegen Thüringen eintreten, sind auch nicht nur junge Leute aus Potsdam. Es sind Leute quer durch alle Altersstufen und aus dem ganzen Land. Wir haben ja immer gesagt: Wir sind der Heimathafen gegen den Rechtsruck. Es gibt nach Erfurt auch ein Bedürfnis, aktiv zu werden: Seit Thüringen sind in unseren Landesverband schon 15 Leute eingetreten. Das ist für unseren Landesverband eine gute Zahl.
Katharina Slanina: Wir merken das auch bei uns in der Schorfheide. Wir werden stärker auf die politischen Ereignisse angesprochen. Die Leute sprechen uns gezielt auf politische Inhalte an, sie wollen nicht nur ein Wahlprogramm in die Hand gedrückt zu bekommen.

Die nächste große Aufgabe für ihren Landesverband wird die Vorbereitung auf die Bundestagswahl sein. Was kommt da auf Sie zu?
Anja Mayer: Wir planen am 5. Dezember die Aufstellungsversammlung für die Bundesliste. Und unser Ziel ist es, die vier Mandate, die wir derzeit im Bundestag haben, zu verteidigen und möglichst stärker zu werden.





zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen