Interview : „Wir raten zum Schulweg zu Fuß“

Der Präsident der Landesverkehrswacht Rainer Genilke.
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Der Präsident der Landesverkehrswacht Rainer Genilke.

Der Präsident der Landesverkehrswacht über Eltern-Taxis, uneinsichtige Autofahrer und Fahrrad-Unterricht

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07. September 2017, 05:00 Uhr

Lange Anfahrtswege, zugeparkte Schultore, Unsicherheit bei der Nutzung des Fahrrads – der Start des neuen Schuljahres ist für manche Familien mit Sorgen verbunden. Rainer Genilke, Präsident der Landesverkehrswacht, erklärt im Gespräch mit Mathias Hausding, worauf man achten sollte.

Herr Genilke, zum Start des Schuljahres hat die Polizei am Montag vor Schulen landesweit unter anderem 250 Tempo-Verstöße von Autofahrern registriert. Kein guter Anfang. Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Rainer Genilke: Insgesamt bin ich froh, dass keine Unfälle gemeldet wurden. Immerhin machten sich über 22 000 Erstklässler erstmals auf den Weg. Aber 250 Tempo-Verstöße zu einem Zeitpunkt, an dem die Autofahrer extra dafür sensibilisiert werden, dass die Schule wieder beginnt, sind nicht zu tolerieren.

Welche ist die größte Herausforderung mit Blick auf die Sicherheit des Schülerverkehrs?

Viele kommen zu Fuß, andere mit dem Rad, mit Bus oder dem Eltern-Taxi – alles zur selben Zeit am selben Ort. Das zu koordinieren, ist mit Abstand das größte Problem.

Wo ist der Hebel anzusetzen?

Seit wenigen Monaten können Kommunen bundesweit unbürokratisch Tempo-30-Schilder vor Schulen aufhängen.

Geschieht das in Brandenburg?

Ja, vor den meisten Schulen gilt Tempo 30. Wo es noch Defizite gibt, schauen jetzt vielleicht auch die Elternbeiräte genauer hin. Oft ist es aber mit den Schildern nicht getan. Man braucht die Einsicht der Autofahrer. Wenn etwa die Schule von der Straße aus nicht zu sehen ist, sollten Tafeln oder entsprechend gestaltete Säulen den Fahrern verdeutlichen, dass 100 Meter entfernt eine Schule steht. Das ist verkehrspsychologisch wichtig. Die Leute sollen wissen, warum sie 30 fahren müssen.

Häufig sind Zufahrten vor Schulen morgens zugeparkt. Kleinen Kindern fällt es dann schwer, den Überblick zu behalten. Was kann man dagegen tun?

Oft sind es ja die, die wir schützen wollen, die da gerade von ihren Eltern vor dem Schultor abgesetzt werden. Andere Kinder werden dadurch aber in Gefahr gebracht. Ein unhaltbarer Zustand! Dafür müssen mit den Schulträgern vor Ort Lösungen gefunden werden. Außerdem sollten sich die Eltern gegenseitig erziehen: Ein Kind muss nicht drei Meter vor dem Schultor aussteigen, sondern kann auch ein Stück laufen.

Helfen Parkverbote?

Direkt vor der Schule sind sie nützlich. Aber irgendwo muss es eine Aussteigemöglichkeit geben, und zwar nicht in 500 Metern Entfernung. Viele Kommunen haben in Schulnähe sogenannte Eltern-Haltestellen eingerichtet. Dort klappt das Ein- und Aussteigen ohne Probleme.

Auch wenn viele Experten das Eltern-Taxi kritisch sehen – ganz ohne wird es wohl nicht gehen…

Wir plädieren dafür, dass Kinder nach einer gewissen Zeit den Weg zu Fuß machen, wenn es irgendwie geht. Wenn die Schule sieben Kilometer von zu Hause entfernt ist, wird neben dem Bus das Auto der Eltern weiter eine Option sein. Andere dürfen dadurch jedoch nicht gefährdet werden.

Viele Kinder greifen gern auf das Fahrrad zurück. Ab welchem Alter empfehlen Sie das für den Schulweg?

Acht Jahre sollten die Kinder alt sein, also ab der 3. Klasse. Sie haben dann Erfahrungen mit ihrem Schulweg gemacht. Letztlich müssen das die Eltern abwägen: Vielleicht ist der weitere Weg der sicherere, weil es dort eine Ampel gibt.

Gibt es eine verbindliche Fahrradausbildung in der Schule?

Das ist im Rahmenlehrplan für die 3. Klassen verankert. Die Ausbildung endet mit einer Prüfung im Straßenverkehr, natürlich mit Absicherung. Wer sie meistert, bekommt den Fahrradpass.

Geschieht das an allen Schulen im Land?

Sie sind an den Rahmenlehrplan gebunden, müssen also das Thema Radfahren und Verkehrssicherheit behandeln. Eltern sollten im Zweifelsfall darauf achten, dass das nicht ausfällt.

Ist es nicht recht spät, erst in der 3. Klasse mit der Ausbildung zu beginnen?

Sicherlich können Kinder zumeist schon früher fahren. Aber sind sie als Radler in der 2. Klasse schon in der Lage, dem Verkehrsgeschehen aufmerksam zu folgen, mit einer Mappe auf dem Rücken? Da habe ich meine Zweifel. Das sollten die Eltern entscheiden.

Wo sehen Sie allgemein Defizite bei der Verkehrserziehung?

Wichtig ist die Vorbildwirkung von Eltern. Wenn sie auf dem Rad keinen Helm tragen, wollen das die Kinder nach kurzer Zeit auch nicht mehr tun. Dabei könnten mit Helmen viele schwere Kopfverletzungen nach Stürzen vermieden werden. Auch sollten wir nicht bei Rot über die Kreuzung gehen. Besser werden muss zudem die Personalausstattung der Polizei für die Präventionsarbeit im Straßenverkehr.

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