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Reportage thematisiert Ängste der Deutschen : „Wir können uns nur selbst helfen“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine RBB-Reportage thematisiert heute Abend die wachsende Angst vor Kriminellen und Ausländern

svz.de von
erstellt am 13.Sep.2016 | 08:44 Uhr

„Wir sind in Angst“ heißt die Reportage, in der sich der RBB heute Abend der wachsenden Angst von Brandenburgern und Berlinern vor Kriminellen und Ausländern widmet. Immer mehr Menschen rüsten sich zur Selbstverteidigung.
Zweimal ist die Imbissbetreiberin in Eberswalde (Barnim) in den letzten Monaten überfallen worden. Beim ersten Mal verschwand der Dieb mit den Tageseinnahmen, beim zweiten Mal war es nur ein Handy, das der Räuber mitgehen ließ. Und die Polizei? Die Frau winkt ab. „Wir können uns nur selbst helfen“, sagt sie. Die Stadt sei praktisch sich selbst überlassen worden.

Tatsächlich ist die alte, große Polizeiwache von Eberswalde vor ein paar Jahren geschlossen worden. Stattdessen gibt es nun ein neugebautes kleines Stadtrevier, das gerade mal ein paar Stunden am Tag mit Beamten besetzt ist. „Wir sind für die Bevölkerung keine Autoritätspersonen mehr“, beklagt Andreas Schuster von der Gewerkschaft der Polizei. „Vieles wird gar nicht mehr zur Anzeige gebracht, weil die Leute denken, die Polizei unternimmt ja sowieso nichts mehr.“

Die Eberswalder Geschichte ist nur eine von vielen, die die Berliner Filmemacher Katja und Clemens Riha in einer klugen TV-Reportage über den – wie sie es nennen – „Verlust der inneren Sicherheit“ erzählen. „Wir sind die Angst“ heißt ihr Film, der heute Abend um 21 Uhr im RBB-Fernsehen gezeigt wird. Es ist, wenn man so will, der Film zur Abgeordnetenhauswahl am kommenden Sonntag. Weil der tatsächliche oder vielleicht nur so empfundene Verlust an Sicherheit und Ordnung in Stadt und Land auch den Berliner Wahlkampf bestimmt hat.

Spätestens seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht rüstet Deutschland auf. 400 000 Bundesbürger haben im ersten Halbjahr 2016 einen kleinen Waffenschein für Schreckschusswaffen beantragt. Selbstverteidigungskurse boomen, Waffengeschäfte machen Rekordumsätze mit Pfefferspray und Knallmunition, Bürgerwehren sprießen aus dem Boden. Die Kamera des Berliner Filmteams ist dabei, als 40 Männer und Frauen aller Altersstufen, darunter auch Rentner, auf einem ehemaligen Militärflughafen bei Fürstenwalde in der israelischen Nahkampftechnik Krav Maga unterwiesen werden, Ohr abbeißen inklusive.

Sie begleitet eine Berliner Studentin zum privaten Schießtraining mit scharfen Waffen, das die German Rifle Association für 75 Euro pro Nase plus Munitionskosten ausrichtet. Die junge Frau sagt, sie sei zwar noch nie bedroht worden, gehe aber dennoch nur mit der Schreckschusspistole im Halfter auf die Straße. Künftig will sie Sportschützin werden, um scharfe Waffen besitzen zu können.

Das Filmteam zieht auch mit privat organisierten Sicherheitskräften – einer regulären Security-Firma und einer irregulären Bürgerwehr – durch die finsteren Ecken Berlins, vom Kotti über das RAW-Gelände bis hin zur Warschauer Brücke. Von Polizei ist dort nichts zu sehen, dafür gibt es Dealer, Taschendiebe und Betrunkene zuhauf. „Wir sind im eigenen Auftrag unterwegs“, sagt der Anführer der Bürgerwehr, der nach eigenen Angaben Berufssoldaten und Polizisten ebenso unter seinem Kommando hat wie Hausfrauen, Arbeiter und Handwerker – „der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung“, sagt er stolz.

Rihas Film zeigte aber auch jene, die Angst schüren, um davon zu profitieren. Der Autor Udo Ulfkotte zum Beispiel, der seit Jahren in einem rechtslastigen Verlag Bücher über die angebliche Islamisierung Deutschlands und den bevorstehenden Bürgerkrieg hierzulande herausgibt. Ulfkotte verdient gut an seinen Schilderungen der Apokalypse, seine Bücher sind allesamt Bestseller.

Ein anderer Profiteur des von ihm mit an die Wand gemalten Schreckens ist Manfred Rouhs, Chef der rechtspopulistischen Partei „Pro Deutschland“. Auf der „Merkel muss weg“-Demo vor ein paar Wochen in Berlin ereiferte er sich über die Flüchtlings- und Sicherheitspolitik der Bundesregierung.

Vor Rihas Kamera freut er sich, dass neuerdings die Helfer an Wahlkampfständen der SPD deutlich mehr bedroht werden als seine Leute. Die Reportage von Katja und Clemens Riha bleibt eine Momentaufnahme, was das eigentlich Erschreckende ist: Denn sie zeigt eine Entwicklung auf, die am Anfang steht. Wohin sie führt, wie sie das Land, unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren verändern wird, ist noch längst nicht abzusehen.

>> „Wir sind in Angst“, RBB 21 Uhr

 

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