zur Navigation springen

Angler trotzen dem Frost : Winterangler-Abenteuer Quappe

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Winter im Oderbruch – die Zeit der kälteresistenten Männer. Sie kommen in Scharen auf der Jagd nach einem besonderen Fisch

svz.de von
erstellt am 02.Feb.2017 | 12:00 Uhr

Wer in diesen Tagen einen Spaziergang zur Oder macht, sieht sie am Ufer sitzen: hartgesottene Angler. Ausgerüstet mit Gaskocher, Wasserkanister, Zelt, Hocker und wetterfester Kleidung postieren sie sich auch in den unangenehmsten Winternächten am Grenzfluss, um Quappen zu angeln. „Nur bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, nasskaltem Schmuddelwetter und Dunkelheit beißen diese Raubfische“, sagt Joachim Engel aus Gorgast (Märkisch-Oderland), der lange als Fischereiaufseher an der Oder gearbeitet und Quappen schon als Kind angelte.

Die unter Fischliebhabern als sehr schmackhaft geltenden Fische sind bei Petrijüngern begehrt, nicht nur weil sie als besonders vorsichtig gelten und nachtaktiv sind, sondern auch weil sie wegen ihrer gefleckten Schuppen „schwimmende Leoparden“ genannt werden. „Die Tiere haben etwas Mystisches, sind Futter für Anglerlatein“, erzählt der Berliner Steffen Kunath, der jeden Winter mit zwei Freunden zum Quappenabenteuer aufbricht.

Lediglich von November bis Februar, wenn sie von der östlichen Ostsee und dem Oderhaff aus in die Laichgebiete in der Oder und Warthe wandert, ist diese Dorschart in Ostbrandenburg zu fangen. „Weil sie dabei äußerst gefräßig sind, haben Angler überhaupt eine Chance, den gewitzten Fisch zu fangen“, berichtet Angler Engel.

Die naturbelassene Oder ist deutschlandweit einer der wenigen Flüsse, den Quappen noch zum Laichen nutzen. Einst war die Quappe im Oderbruch stark verbreitet, so dass sogar ein Fischer-Örtchen - Quappendorf - nach ihr benannt wurde. In Mitteleuropa ist ihr Bestand laut Engel heute dagegen rückläufig. In einigen Regionen ist sie bereits geschützt.

Die Jagd nach den auch „Rutten“ genannten Fischen sei wie ein Rausch, ähnlich müsse es einst den Goldsuchern in Amerika gegangen sein, bekennt der 64-Jährige. Der Fisch müsse quasi ausgesessen werden, könne die Nerven des Anglers schon ziemlich strapazieren. „Blinder Eifer ist fehl am Platze.“

Auch wenn man sich kaum bewege, sei das Quappenangeln aufgrund der Kälte körperlich anstrengend, bestätigt Quappen-Fan Kunath. „Ohne Thermoanzug geht das überhaupt nicht.“ Der vergangene Winter hingegen war zu mild, die Fische wurden träge und bissen nicht. Quappenjäger gingen zumeist leer aus, erinnert sich Oderfischer Andre Schneider aus Kuhbrücke (Märkisch-Oderland). „In diesem Jahr hingegen wurden schon so einige Exemplare, so zwischen 50 und 75 Zentimetern groß, gefangen“, weiß er von seinen Gästen.

Die Fischerei am Oderufer ist für viele Angler ein erster Anlaufpunkt. Schneider kennt viele gute Stellen, berät zu Ködern oder günstigen Wasserständen und vermietet Übernachtungszimmer. Er selbst geht seit zwei Jahren nicht mehr auf Quappenjagd. „Mir wurden immer wieder Reusen gestohlen“, winkt der Fischer ab.

Weil allerdings auch die kulinarische Nachfrage so groß ist, kauft er Quappen aus dänischen Zuchtanlagen an und bietet sie in seinem Fischimbiss nahe des Grenzüberganges Küstrin-Kietz an.

Wie gefragt Quappengerichte sind, weiß auch der frühere Gastwirt Wolfgang Schalow. „Dieser Winterfisch ist ein echter Gaumenschmaus, den man vielfältig verarbeiten kann - braten, kochen und räuchern“, schwärmt der 74-Jährige, der in seinem Restaurant in Marxdorf bei Seelow während der Quappenzeit früher Gäste aus ganz Deutschland begrüßte.

Fangfrischen Fisch bekam er von einem polnischen Angler, der in der Warthe auf die Jagd ging. „Der Nebenfluss der Oder ist ruhiger, da hat man eher Angelglück“, weiss Schalow, der sich im „Oder Culinarium“ engagiert, dem Zusammenschluss von Köchen der Region. 

Hintergrund: Die Fischart "Quappe"

Die nachtaktive Quappe ist die einzige Fischart aus der Familie der Dorsche, die auch im Süßwasser lebt. Sie gilt als äußerst schmackhafter Speisefisch und ist unter Fischliebhabern eine Delikatesse. Quappen können bis zu eineinhalb Meter lang und etwa 30 Kilogramm schwer werden. Hauptfangzeit sind die Wintermonate, wenn sie in die Laichgebiete wandern. Daher wird die Quappe auch als Sommerschläfer bezeichnet.

Die Quappen-Bestände sind in  Mitteleuropa rückläufig, in Deutschland gilt sie als stark gefährdet. Ursachen sind der Ausbau der Flüsse, Verunreinigung und der Bau von Stauanlagen. Die Quappe bevorzugt kühle, sauerstoffreiche Gewässer. Zu ihrer Nahrung zählen Insektenlarven, Krebse, Fischlaich und kleine Fische.  Noch vor 100 Jahren galt die Quappe an der Oder und im Spreewald als „Brotfisch“, weil sie billiger war als Brot. Da sie so massenhaft auftrat, wurde sie nicht nur verzehrt.


 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen