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Wanderoper : Wildschütz wandert durch die Mark

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wer in kleinen Orten lebt, für den ist ein Opern-Besuch mit viel Aufwand verbunden –Die „Wanderoper“ will diese Lücke schließen

Der Herr mit dem grauen Bart klatscht zweimal in die Hände und verschafft sich so Gehör im Stimmengewirr, das die Turnhalle in Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) erfüllt. „Mit dem Ende der Ouvertüre ertönt ein Schuss und Dorfschullehrer Baculus hat seinen Auftritt“, erklärt Opernregisseur Arnold Schrem den etwa 20 Akteuren auf der fiktiven Bühne. Spätestens, als sie auf sein Zeichen hin als Chor singen, merkt auch der Laie, dass hier ernsthaft klassische Musik geprobt wird.

Geübt wird für eine Open-Air-Fassung von Albert Lortzings komischer Oper „Der Wildschütz“. Sie hat am 3. September auf der Bad Freienwalder Freilichtbühne Premiere. Üblicherweise ist das Werk aus dem 19. Jahrhundert eine aufwendige Inszenierung mit riesigem Orchester und gewaltigem Chor. In der Bad Freienwalder Version ist alles eine Nummer kleiner: Zehn Musiker, 16 Chorsänger und acht ausgebildete Opernsänger als Solisten gehören zum Ensemble. Lortzings Musik hat der Filmkomponist Bernd Wefelmeyer mit Studenten der Filmhochschule Potsdam extra umgeschrieben.

Opernregisseur Schrem hat schon neun Klassiker „im Kleinen“ inszeniert, um vor allem Schülern und Senioren in den ländlichen Regionen Brandenburgs Musiktheater zu bieten. „Mobile kulturelle Grundversorgung“ nennt der 67-Jährige das. „Jeder Mensch braucht Oper, um ein guter Mensch zu werden“, ist er überzeugt. Musiktheater vereine viele Kunstformen und bereichere die meisten Sinne. „Wer damit aufwächst, musisch erzogen und kulturell gebildet wird, kommt nicht auf die schiefe Bahn“, glaubt der ursprünglich aus Berlin stammende Künstler.

Um diesen Effekt zu erzielen, müssten die kulturellen Angebote jedoch in erreichbarer Nähe sein. „Für das Flächenland Brandenburg reicht Berlin da nicht aus und Cottbus mit seinem einzig verbliebenen Musiktheater in der Mark ist zu abgelegen“, sagt Schrem. Vor fünf Jahren hat er deshalb die „Wanderoper Brandenburg“ gegründet. Bisher gab es mehr als 100 Aufführungen mit rund 25 000 Zuschauern.

„Die Oper im Kleinen funktioniert wirklich“, sagt Bass-Bariton Bernd Gebhardt, der im „Wildschütz“ den Baculus spielt. Schon zweimal stand der 54-Jährige in Inszenierungen des Bad Freienwalder Regisseurs auf kleinen Brandenburger Bühnen, erlebte, wie vor allem die live gespielte klassische Musik das Publikum begeisterte.

„Ich stamme aus der Gegend, meine Familie lebt noch hier und ich bin diesem einmaligen Projekt einfach verbunden“, sagt er. Allerdings, glaubt Gebhardt, könnten es pro Stück viel mehr Vorstellungen sein. Doch das sei halt eine Kostenfrage.

Finanzielle Unterstützung erhält das Projekt von Stiftungen, der Stadt Bad Freienwalde und Brandenburgs Kulturministerium, aber nie kontinuierlich, sondern projektbezogen. „Musiktheater kann man nicht aus Eigeneinnahmen finanzieren - jedenfalls nicht ausschließlich. Ansonsten könnte ich das Ganze nur auf Laientheater-Niveau inszenieren. Und dass will ich nicht“, sagt Schrem.

Sein Anspruch, in jedem Landkreis mehrmals pro Jahr zu gastieren, habe sich leider nicht erfüllt. Nicht in jeder Kreisverwaltung sei man dafür aufgeschlossen. Trotzdem sei das Projekt „Wanderoper“ richtig und notwendig, glaubt er. „Angesichts der demografischen Entwicklung schließt es Lücken in den kulturellen Angeboten gerade auf dem Land.“

„Der Wildschütz“ ist eine besondere Inszenierung. „Ohne den Anlass, das 700. Stadtjubiläum von Bad Freienwalde, hätten wir uns an diese sehr aufwendige Oper wohl nicht herangewagt“, sagt der Regisseur, der erstmals nicht nur mit professionellen Sängern, sondern auch mit Laien aus dem Bad Freienwalder Damenchor Märkisch Hoffnungsland und von der Frankfurter Singakademie zusammenarbeitet. „Wir üben bereits seit Februar und sind immer noch begeistert dabei. So ein Projekt ist total spannend“, erzählt Chorsängerin Manuela Düntzsch, Augenoptikerin aus Bad Freienwalde.

Da die Chormitglieder berufstätig sind und nur am Wochenende Zeit fürs Singen haben, fällt das Wandern mit der neuen Open-Air-Inszenierung schwer. So wird es in diesem Jahr zunächst nur vier Vorstellungen geben; neben der Freilichtbühne noch auf dem Domplatz in Fürstenwalde (Oder-Spree) und im Zoo Eberswalde(Barnim).  

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