Einsatz-Nachsorge : Wie ein zerbrochener Spiegel

Claudia Reiter ist Polizeipsychologin in Potsdam.
Foto:
1 von 2
Claudia Reiter ist Polizeipsychologin in Potsdam.

Einsatzkräfte, die zu solch schrecklichen Ereignissen gerufen werden, erhalten Hilfe in Brandenburg von vier Polizeipsychologen

svz.de von
04. Januar 2018, 05:00 Uhr

Den 28. Februar 2017 werden viele Menschen wohl nie mehr vergessen. An diesem Tag starben in Ostbrandenburg drei Menschen. Ein junger Mann soll zuerst seine Großmutter in Müllrose (Oder-Spree) erstochen und danach auf der Flucht mit einem Auto zwei Polizisten totgefahren haben. Im seit Oktober laufenden Mordprozess in Frankfurt (Oder) gerieten immer wieder Zeugen, darunter Einsatzkräfte, bei ihren Schilderungen ins Stocken. Im Verhandlungssaal war zu spüren, wie sehr sie das Erlebte mitgenommen hat.

Die Potsdamer Polizeipsychologin Claudia Reiter hat in den vergangenen Monaten Polizeibeamte betreut, die am Tattag im Einsatz waren. „Er war ein Ereignis, das urplötzlich und unerwartet kam“, sagt sie. Die beiden Polizisten an einer Bundesstraße bei Oegeln (Oder-Spree), die das Fluchtauto mit einem Nagelbrett stoppen sollten, starben sofort nach dem heftigen Aufprall. Den Einsatzkräften, die zum Tatort gerufen worden waren, habe die Situation den Tod vor Augen geführt bei gleichzeitigem Wissen: „Das ist ein Kollege von mir“, sagt Reiter. Insgesamt rund 50 Polizeibeamte seien von der Einsatz-Nachsorge oder von Polizeipsychologen im Nachgang betreut worden.

Unterstützung gab es nach Aussagen des betreuenden Teams auch für Feuerwehrkameraden, Rettungssanitäter, Nachbarn und Unfallzeugen. Um die Angehörigen kümmerte sich eine Notfallseelsorgerin. „Wie einen zerbrochenen Spiegel“ umschreibt Reiter die Wahrnehmung solcher Ausnahmesituationen für Polizisten. Dazu zählt sie auch einen Schusswaffengebrauch oder das Erleben von Gewalt und Lebensgefahr.

Kommen Polizeipsychologen ins Spiel, werde versucht, das Erlebte in einen Kontext zu setzen. Ziel ist es, ein komplexes Bild von dem Geschehen zu bekommen, wie Reiter erläutert. Dadurch werde das selbst Erlebte eingebettet und sei nicht mehr losgelöst. Auch ein Gerichtsprozess biete die Chance für Verarbeitung. „Man kann einen Abschluss finden.“

In Brandenburg gibt es vier Polizeipsychologen. Sie sind neben Potsdam in Cottbus, Frankfurt (Oder) sowie Oranienburg eingesetzt und sind ein Teil des Polizeiärztlichen Dienstes. Mitarbeiter der Polizei können sich an sie wenden, wenn sie Gesprächsbedarf haben. Auch Prävention ist ein wichtiger Teil der Arbeit.

Den Polizeipsychologen ist in der Regel die Einsatz-Nachsorge vorgeschaltet, wenn es um ein konkretes Ereignis geht. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter betreuen in einem ersten Schritt in Gesprächen betroffene Polizisten, aber auch Feuerwehrleute oder Mitarbeiter von Rettungsdiensten. Solche Teams gibt es auch in anderen Bundesländern.

Der Landespfarrer für Polizeiseelsorge, Sven Täuber, ist Teil des Einsatz-Nachsorge-Teams in Brandenburg. Er fuhr am 28. Februar 2017 sofort zum Tatort nach Oegeln, um Einsatzkräfte zu unterstützen, wie er berichtet. „Die Intensität war kaum zu übertreffen“, sagt er über die Geschehnisse. Im Arbeitsalltag von Polizisten herrsche unter Kollegen eine große Solidarität und der Grad der Verbindlichkeit sei wegen der besonderen Belastungen des Berufes sehr hoch. Umso heftiger sei es, wenn Kollegen im Dienst sterben.

Seine Aufgabe sei es damals gewesen, vor Ort zu stabilisieren, Strukturen zu schaffen und Hilfe anzufordern, berichtet der Landespfarrer. Er habe auch eine der Todesnachrichten überbracht und einen Gedenkgottesdienst initiiert. Bis heute begleite er Polizisten in der Region.

Die Einsatz-Nachsorge war laut Täuber auch schnell vor Ort als im September 2017 zwei Feuerwehrmänner auf der A 2 bei Brandenburg/Havel starben. Sie waren gerade dabei, einen Unfall aufzunehmen. Ein Lkw-Fahrer war ins Schlingern gekommen und gegen ein Feuerwehrauto geprallt. Dieses kippte um und begrub die beiden Feuerwehrleute unter sich.

Sowohl dieser Unfall als auch die Geschehnisse in Oegeln und Müllrose haben dazu geführt, dass das Einsatz-Nachsorge-Team 2017 erheblich häufiger angefordert wurde, wie Koordinator Jörg Reichert sagt. Bis Mitte Dezember seien es 80 Anforderungen gewesen, in den Vorjahren jeweils rund 30 bis 35.

Eine Aufgabe der Einsatz-Nachsorge ist es laut Täuber auch, Einsatzkräfte zu ermutigen, sich helfen zu lassen. Der Landespfarrer sagt: „Man kann sich verletzen und ,bluten’ – aber man sieht keine Wunde.“ Polizeipsychologin Reiter zufolge nehmen Beamte ihr Gesprächsangebot zunehmend wahr. Die Akzeptanz der Arbeit der Einsatz-Nachsorge und der Polizeipsychologen sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen