Nicht nur Fachkräftemangel : Wie Bürokratie den Bau bremst

Setzt inzwischen lieber auf private Auftraggeber: Jürgen Ewe, Chef einer Baufirma aus Ostpringnitz-Ruppin
Setzt inzwischen lieber auf private Auftraggeber: Jürgen Ewe, Chef einer Baufirma aus Ostpringnitz-Ruppin

Mittelständische Unternehmen berichten, warum öffentliche Aufträge für sie immer unattraktiver werden

svz.de von
10. Juli 2018, 21:00 Uhr

Sommerzeit ist Bauzeit: Aber egal ob Schule, Schwimmbad oder Rathaus – Aufträge werden häufig nur verzögert vergeben. Das liegt nicht nur am Fachkräftemangel, sondern vor allem an bürokratischen Hürden, heißt es vom Mittelstand.

Über dem Rohbau der neuen Tiefgarage in Wilmersdorf verlegen Eisenflechter gerade den Bewährungsdraht. In dem neuen Wohnhaus, das die Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg derzeit auf ihrem verbandseigenen Grundstück an der A100 errichten lässt, sollen künftig 36 Wohnungen zu sozialen Preisen an Arbeiter von Mitgliedsunternehmen vermietet werden, um ihnen den Start in Berlin zu erleichtern.

Es ist nur eine Maßnahme zur Rekrutierung von Arbeitskräften, die die Betriebe so dringend brauchen. Auch Jürgen Ewe, der mit seinem Betrieb aus Neustadt/Dosse (Ostprignitz-Ruppin) die Tiefbauarbeiten übernommen hat, kann ein Lied davon singen. „Im letzten Jahr hatten wir gerade mal zwei Bewerbungen auf Lehrstellen“, berichtet der Chef der Firma E&K. Eine kam aus Sachsen-Anhalt, die andere aus Frankfurt (Oder). Das Angebot, beim Umzug nach Neustadt zu helfen, wollten die jungen Männer allerdings nicht annehmen. „Pendeln macht da aber keinen Sinn“, sagt der 54-jährige Meister. Seine Mitarbeiter sind seit 2013 von 40 auf 30 geschrumpft. Dabei gibt es gerade in Berlin genug zu tun. Die Bezirke haben alleine 387 Sanierungsmaßnahmen an 276 Schulen mit einem Volumen von über 185 Millionen Euro gemeldet, teilte am Montag die Bildungsverwaltung mit. Doch nur 57 Prozent der Berliner und 63 Prozent der Brandenburger Unternehmen bewerben sich aktuell überhaupt noch um öffentliche Aufträge.

„Vor allem hoher bürokratischer Aufwand und nicht auskömmliche Preise halten Unternehmen davon ab, sich an kommunalen Ausschreibungen zu beteiligen“, erklärt Klaus-Dieter Müller, Präsident der Fachgemeinschaft Bau, die unter ihren 900 Mitgliedsbetrieben eine entsprechende Umfrage gemacht hat. So müssten Stuckateure zum Beispiel nachweisen, dass ihre Natursteine nicht aus Kinderarbeit stammen, und erklären, was sie für die Frauenförderrichtlinie tun. „Die Unternehmen haben Schwierigkeiten, diese Nachweise überhaupt zu erbringen“, sagt Müller. Aber auch die Genehmigungsverfahren bräuchten aufgrund von Personalnot auch in den Ämtern oftmals viel zu lange. „Wir brauchen leistungsfähige Behörden mit schlanken Strukturen, eindeutigen Zuständigkeiten und effektiven Verwaltungsprozessen“, fordert Müller.

Wünsche, die auch Jürgen Ewe sofort unterschreiben würde. Bei einem öffentlichen Auftrag vom Bezirksamt Berlin-Reinickendorf ist es bei ihm fast zur Vertragskündigung gekommen. „Weil ein Sachbearbeiter im Urlaub war und der andere krank, gab es 40 Tage kein Geld“, berichtet der Firmenchef aus Ostprignitz-Ruppin. Und auch sein Eindruck, dass bei öffentlichen Projekten inzwischen nur noch auf den Preis und nicht mehr auf die Qualität geschaut wird, schreckt ihn ab.

Ewe setzt nun vermehrt auf private Auftraggeber und „Mund-zu-Mund-Propaganda“. So bekam er auch den Zuschlag für das Arbeiterwohnhaus. Doch auch hier musste er ein Jahr lang auf die Genehmigung warten. Bau-  und Grünflächenamt sowie Verkehrsbehörde wiesen sich gegenseitig die Zuständigkeiten zu, als es etwa um die Verlegung der Stromtrasse ging. Ewe musste sinnlos Pläne überarbeiten, bevor dann sein erster Vorschlag genehmigt wurde.  „Wir konnten überhaupt nicht planen“, berichtet der Brandenburger. Als er die Zeit nutzen wollte, um schon mal die Bewährungseisen auszuladen, bekam er wegen nicht genehmigten Parkens des Lkw eine Anzeige und musste Männer und Material wieder wegschicken. „Das hat mich bestimmt 1000 Euro gekostet.“


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