Prothesen für Tiere : Werkstatt für Humpelfüße

Schildi  kann sich wieder fortbewegen.
Schildi kann sich wieder fortbewegen.

Rathenower Orthopädietechniker hilft Hunden, Hühnern und Exoten, wieder in Bewegung zu kommen

svz.de von
03. April 2017, 05:00 Uhr

Patient „Hubertus“ ist vollständig genesen. Das erkennt man daran, dass der Hahn leichtfüßig sein kleines Revier abschreitet, direkt neben der Werkstatt auf dem Hof. Olaf Piritz hat dem krähenden Mitbewohner vor gut zwei Jahren das Bein gerettet, welches das Tier bei einem heldenhaften Kampf mit einer Krähe fast verloren hatte. „Hubertus“ verteidigte seine zwei Küken.

„Ein Veterinär hätte mir vermutlich eine klare Empfehlung gegeben: Topf auf, Hahn rein“, sagt Piritz und schaut zufrieden durch das Werkstattfenster auf die Hühner. „Aber hätte ich ihn noch dafür bestrafen sollen, dass er seine Nachkommen beschützt hat?“ Also setzte sich der Orthopädietechniker an die Nähmaschine und fertigte eine winzige Schiene aus Leder. Das Stück trug der Hahn mehrere Wochen.

Piritz fertigt Prothesen, Orthesen oder Rollwagen für Tiere an – und trifft damit auf einen riesigen Markt. Nach einer Studie der Universität Göttingen geben die Bundesbürger pro Jahr rund 9,1 Milliarden Euro für Tiere aus. Physiotherapeuten haben sich auf Hunde spezialisiert, es gibt Ernährungsberater für Katzen und Chiropraktiker für die Behandlung von Pferden. Selbst Psychologen können konsultiert werden.

Den Trend spürt zunehmend auch der Orthopädiespezialist aus Rathenow (Havelland). Zuletzt erhielt er fast täglich Anfragen. Seine Künste sprechen sich sogar in der Golfregion herum. Gerade erhielt Piritz eine E-Mail aus Katar: Ein reicher Araber fragte, ob er sich um ein amputiertes Kamel kümmern könne.

Wenn Tiere orthopädische Hilfsmittel erhalten, werden daraus aufsehenerregende Geschichten. So erhielt 2015 die einbeinige Storchendame „Mathilda“ eine Prothese, nachdem sie in einer Vogelschutzwarte in Sachsen-Anhalt aufgepäppelt worden war. Für viel Rummel sorgte auch der Fall der griechischen Landschildkröte „Schildi“: Sie wurde 2013 mit einer Rollen-Prothese versorgt. Ein Tierarzt im baden-württembergischen Neuried hatte den künstlichen Fuß aus Spielzeug gebaut.

Im Grunde ist Piritz als Tüftler gefragt, um Tieren wieder auf die Sprünge zu helfen. 90 Prozent der Patienten sind Hunde. Dabei kann er die schwerkranken oder verunglückten Patienten nur nach Feierabend und am Wochenende empfangen. Der 38-jährige Familienvater verdient sein Einkommen in einem Sanitätshaus. „Ich würde mit orthopädischen Unikaten für Tiere nicht genug Geld verdienen“, sagt er. Aus Berlin kommt ein Großteil der Kunden. Auch aus Leipzig, Dresden und Hamburg gibt es Anfragen.

Piritz verfolgt ein aufwendiges Konzept: Mitunter sind mehrere Anproben notwendig, damit Orthesen oder Rollwagen passgenau sitzen. Er zeigt eine Skizze von „Lucky“, einem kleinen, weißen Rüden mit rundem Gesicht. Rasse: Bichon Frisé, Diagnose: Morbus Cushing, eine Stoffwechselstörung, die in diesem Fall zu Lähmungen führte. „Der wiegt gerade einmal zwei Kilo“, berichtet Piritz. Ein Gefährt, in dem das bewegungsunfähige Hinterteil eingespannt werden kann, hat der Fachmann bereits gebaut. „Aber der Körper verändert sich durch die Krankheit. Er wird breiter. Dadurch muss man den Rahmen mehrfach verändern“, berichtet er.

Es gibt auch Billigangebote im Internet. Piritz ärgert sich darüber, zumal Orthopädietechnik von der Stange nur in Standardgrößen erhältlich ist. „Welches Tier passt in Schablone L und welches in XL?“, fragt er. Maßarbeiten, die oft mehrere Hundert Euro kosten, bieten nach seinen Erkenntnissen nur fünf weitere deutsche Orthopädietechniker an.

Sein außergewöhnlichstes Stück hat der Handwerker für ein Fohlen angefertigt. Mit einer Konstruktion aus zwei Halbschalen und einem Gelenk, die das Vorderbein stabilisierte, konnte das Tier wieder die Milchdrüsen der Mutter erreichen und wurde vor dem Verhungern bewahrt. Auch eine Ente wurde von ihm versorgt: Für sie bastelte er eine Metall-Prothese. „Sie kann heute wieder problemlos watscheln.“

Freilich würde Piritz nie behaupten, dass er jedem Tier helfen kann. Katzen beispielsweise sind schwierige Fälle. „Sie winden sich aus allen Verschlüssen raus“, berichtet er. Zudem kommt er bei sehr kleinen Hunden an seine Grenzen. Der Orthopädietechniker zeigt das Gipsmodell eines Chihuahua-Beinchens, so lang wie sein Zeigefinger. „Das ist zu zerbrechlich“, sagt er.

Gleichzeitig spürt Piritz ein Umdenken bei den Veterinären: Vor acht Jahren sei er für sein Angebot noch belächelt worden, inzwischen werde in den Praxen Orthopädietechnik in allen Variationen empfohlen. „Es wird aber noch immer zu schnell amputiert“, meint er und betont seine Bedeutung, um gelähmten Tieren ein neues Leben zu ermöglichen. „Die darf man nicht ihrem Schicksal überlassen“, so Piritz. Die über den Boden schleifenden Gliedmaßen infizierten sich immer wieder. „Das kann den Tod bedeuten.“

Stellt sich nur noch die Frage, wie dem Kamel aus Katar geholfen wird. Piritz winkt ab: „Das ist mir zu heiß“, sagt er und meint die politische Situation.

Henning Kraudzun

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