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Menschen mit ausländischen Wurzeln als Gründer : Wenn Zugewanderte Jobs schaffen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach Deutschland ziehen und eine Firma gründen: Viele Menschen mit ausländischen Wurzeln arbeiten als Selbstständige

svz.de von
erstellt am 22.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Bashar Idilbi sitzt auf einem Haufen Müll. Also eigentlich sitzt er auf einer Bank, aber die ist aus geschredderten Getränkekartons gefertigt. Der Syrer gründete vor Jahren in Deutschland ein Unternehmen, das aus den Abfällen Gartenmöbel und Bodenbeläge für den Außenbereich herstellt. Die kleine Firma in Guben (Spree-Neiße) an der Grenze zu Polen will expandieren und weitere Arbeitsplätze schaffen, wie der 59-Jährige ankündigt.

Idilbi geht in die Produktionshalle seiner Firma Technamation Technical Europe GmbH in einem Industrie- und Gewerbegebiet. Dort sind große Haufen geschredderter Verpackungen aufgetürmt - Schnipsel über Schnipsel. Vier Mitarbeiter beschäftigt er hier. Die Maschinen laufen zurzeit nicht, das Unternehmen will neue Räume beziehen - der Umzug steht an. Der 59-Jährige spricht Deutsch, manchmal wechselt er ins Englische.

In Deutschland hat man offensichtlich das Potenzial von Migranten mit Gründungsvorhaben erkannt. In Brandenburg gibt es ein Projekt der Wirtschaftsfördergesellschaft Zukunftsagentur Brandenburg für akademische Migranten. „Das Interesse steigt“, sagt Projektkoordinator Kuang Dai. Er führt das darauf zurück, dass immer mehr ausländische Studenten an Brandenburgs Hochschulen kommen. Viele könnten sich vorstellen, in Deutschland zu bleiben.

Was die Gründung innovativer Firmen von Zugewanderten aus Ländern außerhalb der EU angeht, liegen den Angaben zufolge in Brandenburg der Iran und asiatische Länder weit vorn. „Sehr viele Wissenschaftler wollen hier bleiben“, sagt Dai.

Die Firmengründer entwickeln zum Beispiel Smartphone-Apps oder Software. Auch auf die Herstellung neuer Geräte und die Entwicklung neuer Dienstleistungen im Gesundheitsbereich seien viele spezialisiert.

Seine Firma gründete Idilbi 2002 in Nordrhein-Westfalen, nach Jahren zog er mit seiner Frau nach Brandenburg. Nach Deutschland kam der Syrer nicht als Kriegsflüchtling, sondern weil seine Frau Deutsche ist und er schon zu früheren Zeiten zeitweise hier arbeitete, wie Idilbi erzählt. So habe es Anknüpfungspunkte gegeben.

Anfangs habe er nach der Firmengründung noch einen Standort in Syrien gehabt. Doch die Maschinen seien im Krieg zerstört oder gestohlen worden. Daher baue die Firma Stück für Stück die Herstellung in Brandenburg auf, betont der Unternehmer.

In Deutschland waren 2015 nach Mikrozensus-Erhebungen des Statistischen Bundesamtes unter den rund 4,16 Millionen Selbstständigen 658 000 Menschen, die zuvor aus anderen Ländern zugewandert waren. Auf Europa bezogen stammen viele von ihnen aus Polen (94 000) und der Türkei (64 000). Zum Vergleich: 2011 lag die Zahl der Zugewanderten, die selbstständig waren, noch bei 589 000.

Der Wissenschaftler René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim untersucht das Gründungsverhalten von Menschen mit ausländischen Wurzeln und erstellte mit anderen Autoren eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Leicht sieht ein großes Gründungspotenzial bei Zugewanderten. Die meisten in jüngerer Zeit zugewanderten Migranten seien hoch qualifiziert und ein Teil habe sogar hierzulande studiert, sagt Leicht. Viele könnten als Selbstständige von guten Verbindungen in ihr Herkunftsland profitieren und zum Beispiel ausländische Produkte hier auf den Markt bringen.

Die Organisatoren von Förderprogrammen sollten nach Leichts Ansicht gezielter und schneller auf die Menschen direkt nach der Zuwanderung zugehen, bevor sie möglicherweise ein Beschäftigungsverhältnis eingehen und dann nicht mehr den Willen aufbringen zu gründen.

Die Motivation, als Zugewanderter in Deutschland eine Firma zu gründen, habe sich im Laufe der Zeit verändert, betont der Wissenschaftler. „Es gründen immer weniger Migranten aus der Not heraus, etwa weil sie auf dem Arbeitsmarkt keine andere Chance hätten.“ Stattdessen stünden Selbstverwirklichung, die Umsetzung eigener Ideen und Innovationen im Vordergrund.

Zurück in Guben. Bashar Idilbi berichtet, dass er mit offenen Armen in Deutschland empfangen worden sei. Die Fördermöglichkeiten seien gut und es gebe viel Unterstützung von der Politik, sagt er. Bewerbungen habe er sehr viele vorliegen. Dass er aus dem Ausland kommt, habe nie zu Problemen geführt. „Ich brauche ein, zwei Minuten, und dann bin ich mit jedem Freund“, sagt Idilbi.

 

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