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Brandenburg

17. August 2017 | 13:45 Uhr

Wenn Opa ins Gefängnis muss

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Brandenburgs Justizvollzugsanstalten schmieden Konzepte für Unterbringung älterer Straftäter

Straftäter im Seniorenalter sind eine kleine Minderheit in Brandenburgs Gefängnissen. Diese stellen sich dennoch auf die Unterbringung von immer mehr betagten Inhaftierten ein. In Justizvollzugsanstalt Brandenburg (Havel) ist für sie eine Wohngruppe geplant. Wer dort mit dem Rollator oder Rollstuhl unterwegs ist, muss sich auf Hürden einstellen – bereits der Weg zum Sport ist beschwerlich. Es gebe eine Rampe zur Turnhalle, sagt Burghard Neumann. „Aber zum Spielfeld sind zwölf Stufen zu überwinden“, so der Leiter der Bildungsabteilung.

Mit dem Beispiel zeigt Neumann: Auf ältere Gefangene müssen sich Justizvollzugsanstalten im Land noch einstellen. Von Barrierefreiheit seien viele Bereiche weit entfernt, der Transport gebrechlicher Gefangene mit „einigen Klimmzügen“ verbunden. „Hier hilft uns die Solidarität der Mitgefangenen“, sagt Neumann. Durch das angegliederte Haftkrankenhaus – dem einzigen im Land – sind die meisten Straftäter im Seniorenalter in Brandenburg inhaftiert. Dort können sie bei Gesundheitsproblemen ohne Verlegung medizinisch versorgt werden. Um sie getrennt unterzubringen, soll eine Wohngruppe für ältere Gefangene eingerichtet werden.

Die Klientel ist noch überschaubar: 18 von 1080 Häftlingen sind im Land über 65 Jahre alt. Bundesweit sind es fast 1000 Insassen im Seniorenalter, mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Auch Anstaltsleiterin Petra Wellnitz sagt, der Vollzugsdienst müsse sich mehr auf betagte Strafgefangene vorbereiten. Nötig seien intensive Gesundheitsfürsorge, altersgerechte Sportangebote, Schutz vor Depressionen und Gespräche zu Seniorenthemen. Bei Alterskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Leiden müsse besondere Kost geboten werden. Barrierefreie Zellen und Sanitärräume gebe es nur eingeschränkt.

„Die Lebenssituation älterer Menschen ändert sich bei der Inhaftierung drastisch“, so Wellnitz. Die Sorge um die Gesundheit und Gedanken an den Tod hinter Gittern könnten zermürben. Zur Versorgung pflegebedürftiger und gesundheitlich schwer beeinträchtigter Insassen benötige man mehr Personal.

Bernd Maelicke, Experte für Kriminal- und Sozialpolitik, fordert länderübergreifende Lösungen zur Betreuung in spezialisierten Justizvollzugsanstalten. „Alte Männer reagieren sensibler auf Lärm, Gewalt, Drogen und Subkulturen, was in den Gefängnissen an der Tagesordnung ist. Dem sind sie nicht gewachsen“, so der Direktor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft. In jedem Bundesland soll mindestens eine Abteilung für diese Gruppe eingerichtet werden mit mehr Bewegungsfreiheit und anderer Freizeitgestaltung.

Die Vorstellung von zufällig kriminell gewordenen und und besonders unter der Haft leidenden Rentnern wischt Rainer Krone, Landesvorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, beiseite. „Es gibt unter den Gefangenen im Seniorenalter viele Stammkunden“, sagt er. Diese hätten zeitlebens Gefängnisstrafen verbüßt. Das Justizministerium bestätigt, dass ältere Häftlinge auch wegen schwerer Verbrechen einsitzen – der Älteste ist 82 Jahre alt. Der Hauseigentümer aus Glienicke (Oberhavel) soll kürzlich seine 75-jährige Mieterin erstochen haben.  

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erstellt am 23.Jul.2016 | 05:00 Uhr

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