Klage gegen Potsdamer Krankenhaus : Wenn die Leiche zum Pfand wird

Für das Aufbewahren von Verstorbenen in Kühlboxen müssen Angehörige bezahlen.
Für das Aufbewahren von Verstorbenen in Kühlboxen müssen Angehörige bezahlen.

Frau verklagt Potsdamer Krankenhaus, das toten Vater nur gegen Bares übergab. Bestatter und Kliniken sprechen von Ausnahme

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15. Dezember 2017, 05:00 Uhr

Nachdem das Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“ ihren verstorbenen Vater erst nach sofortiger Zahlung einer Pauschale an den Bestatter übergab, will Tochter Katrin Jonas klagen. Der Fall stellt die Praxis Brandenburger Kliniken in ein schlechtes Licht. Ein Missverständnis?

Genau 59 Euro und 50 Cent waren es, die Katrin Jonas schlichtweg zur Weißglut brachten. Mehrwertsteuer inklusive. Im Oktober 2015 habe sie erst zahlen müssen, bevor das Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“ den Leichnam ihres drei Tage zuvor verstorbenen Vaters an den von ihr beauftragten Bestatter rausrücken wollte, erzählte die Berlinerin kürzlich im Gespräch mit den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“.

Sie sei damals nervlich nicht in der Lage gewesen, zu streiten, habe klein beigegeben und gezahlt. Aber auch zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters zweifelt Jonas die Rechtmäßigkeit des Vorgehens an und spricht von einer ungerechtfertigten „Ausgabegebühr“. Inzwischen bereitet sie eine Klage gegen die Klinik vor.

Das Krankenhaus spricht von einem Missverständnis. Es bestreitet, Verstorbene quasi als Pfand gegen Zahlung der Gebühr einzubehalten. Angehörige könnten auch später für die vom Gesetzgeber verlangte Aufbewahrung der Leiche im Kühlraum zahlen. Doch der Fall wirft Fragen auf: Gab es weitere Beschwerden dieser Art in Brandenburg? Und ist eine Gebühr auch in anderen Krankenhäusern fällig?

Fabian Lenzen, Sprecher der Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg, sagt, dass die Beibehaltung von Patienten als Pfand keine gängige Praxis ist. „Uns lag noch nie eine Beschwerde dieser Art vor“, bestätigt auch Gabriele Haas, Leiterin eines Bestattungshauses in Eberswalde (Barnim).

Seit 27 Jahren hat Haas mit Krankenhäusern im Barnim, in Märkisch-Oderland, der Uckermark, in Berlin und weiteren Städten deutschlandweit zu tun. Nur sehr selten werde eine sofortige Begleichung der Kühlkosten wie im beschriebenen Fall verlangt.

Das bestätigt auch Bestatter David Rost aus Frankfurt (Oder), seit 15 Jahren im Geschäft. In dieser Zeit habe er auch Erfahrungen mit dem Potsdamer Klinikum gemacht – und zwar durchweg positive. „Das Klinikum hat eine eigene Ausgabe, die sich um die Übergabe und die Papiere kümmert“, erzählt Rost. Dadurch werde Bestattern neben dem Papierkram auch der Transport aus der Leichenhalle in den Wagen abgenommen. Das werde vom Krankenhaus in Rechnung gestellt.

Dass sich Angehörige in den meisten Fällen überhaupt an den Kühlungskosten beteiligen müssen, hält der Bestatter für gerechtfertigt. „Für Krankenhäuser und Bestattung entstehen nicht nur Kosten bei der Aufbewahrung von Verstorbenen, sondern auch ein nicht zu verachtender Aufwand“, betont Rost.

Die Kosten für die Kühlung der Verstorbenen variieren: Für die Kühlung auf vier Grad würden deutschlandweit rund 15 bis 30 Euro täglich in Rechnung gestellt, wie der 40-Jährige bestätigt. Bei zwei bis vier Tagen durchschnittlicher Lagerungszeit sei der Betrag von knapp 60 Euro im Fall von Katrin Jonas keineswegs überzogen.

Das Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus beispielsweise erhebt seit Dezember 2012 eine Gebühr in Höhe von 40 Euro netto pro Tag Liegezeit, um „ausreichend Kapazitäten für neue Patienten freizuhalten“, wie Sprecherin Susann Winter erklärt.

In den Krankenhäusern der Immanuel-Diakonie in Bernau (Barnim) und Rüdersdorf (Märkisch-Oderland) erhalten die Angehörigen die Rechnung nicht direkt im Haus, „wenn sie womöglich noch unter Schock stehen“, wie Sprecherin Jenny Jörgensen erklärt. Die Kliniken berechnen ab dem vierten Tag zirka 18 Euro täglich. Die Lagerung über einen längeren Zeitraum sei Aufgabe der Bestatter.

Bei der Höhe der Kühlungskosten kommt es auch darauf an, wo der Patient stirbt. Stirbt er im Krankenhaus, berechnet das Klinikum Frankfurt (Oder) ab dem vierten Tag 20 Euro täglich. Stirbt er außerhalb, koste die Kühlung in der Klinik ab dem ersten Tag 40 Euro pro Tag – plus Mehrwertsteuer.

„Das ist nicht rechtswidrig“, sagt der Bestattungsexperte Lenzen. Die Gebühren seien teilweise in den Behandlungsverträgen enthalten. Es gebe keine einheitliche Gebührenordnung, weshalb die Preise landes- und bundesweit variieren. „Damit machen die Kliniken kein Geschäft“, bemerkt Lenzen. Sie würden die Kosten nur an die Angehörigen weiterleiten. Um Kosten zu sparen, gingen die Krankenhäuser inzwischen dazu über, die Übergabe des Verstorbenen von der Station in den Kühlraum und die spätere Herausgabe an die Bestatter an externe Dienstleister auszulagern.

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