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Analphabetismus : Wenn Buchstaben eine Hürde sind

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Analphabetismus ist immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema. In Brandenburg gibt es sieben Grundbildungszentren

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2017 | 11:45 Uhr

Die krakeligen, vor Fehlern strotzenden Zeilen muten auf den ersten Blick an wie Schreibversuche von Erstklässlern. „Das sind Übungsseiten von Erwachsenen“, stellt Heidrun Burmeister klar. Die erfahrene Lehrerin gibt im Grundbildungszentrum Frankfurt (Oder) Kurse, unterrichtet Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Maximal sechs erwachsene Schüler hat sie in ihren Kursen und sie ist Kummer gewöhnt. „Manche brechen wieder ab, wenn sie merken, dass das Lernen anstrengend ist, oder sie werden krank. Es ist einfach mühsam“, konstatiert sie.

Die Lehrerin Heidrun Burmeister vom Grundbildungszentrum in Frankfurt (Oder) sitzt in einem Klassenraum der Volkshochschule (VHS).
Die Lehrerin Heidrun Burmeister vom Grundbildungszentrum in Frankfurt (Oder) sitzt in einem Klassenraum der Volkshochschule (VHS). Foto: Patrick Pleul

Laut einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 gibt es bundesweit etwa 7,5 Millionen funktionale Analphabeten, die als Erwachsene lediglich einzelne Wörter und Sätze lesen oder schreiben können. In Frankfurt(Oder) dürften statistisch gesehen 5200 von ihnen leben, sagt Carmen Winter, Leiterin des Grundbildungszentrums, das vor zwei Jahren an der Frankfurter Volkshochschule gegründet worden war. Nicht gezählt seien Betroffene in den beiden angrenzenden Landkreisen Oder-Spree und Märkisch-Oderland. „Die meisten von ihnen haben eine Schule besucht“, sagt sie. Negative Schulerfahrungen, ein geringes Selbstbewusstsein oder auch ein schwieriges Elternhaus hätten dazu geführt, dass sich die Betroffenen „irgendwie durchgemogelt haben. „Die Gesellschaft hat sich darauf eingestellt. Du brauchst das Lesen und Schreiben heutzutage nicht mal bei der Führerscheinprüfung. Da machst Du nur Kreuzchen unter Bilder oder Videos“, sagt Winter. Im Grundbildungszentrum, eines von sieben in Brandenburg, sollen diese Menschen Grundfähigkeiten erwerben. Deswegen gibt es auch Kurse in Hauswirtschaft oder am Computer. „Wir würden gern noch mehr anbieten, wenn der Bedarf da wäre“, deutet Winter an. Unermüdlich ist sie in Gremien, Ausschüssen und Vereinen der Stadt unterwegs, um die Angebote des Grundbildungszentrums bekannter zu machen, das bis 2020 aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Brandenburger Bildungsministeriums gefördert wird.

Winter leitet auch sogenannte Sensibilisierungsschulungen für Behördenmitarbeiter. „Das sind diejenigen, denen im Umgang mit funktionalen Analphabeten am ehesten etwas auffällt - Mitarbeiter im Jobcenter, im Gesundheitsamt, der Schuldnerberatung“, sagt die Leiterin des Grundbildungszentrums. Großes Diskussionsthema sei dabei stets, ob und wie Betroffene angesprochen und auf Hilfe aufmerksam gemacht werden könnten.

„Analphabetismus ist noch immer ein gesellschaftliches Tabu“, sagt Winter. Die Hemmschwelle bei den Betroffenen, sich zu offenbaren, sei extrem hoch. Deshalb wäre es bereits ein großer Schritt, wenn sie zu ihr in die Beratung kämen. „Meist passiert das nach einer Trennung vom Partner, der das Lesen und Schreiben für beide bisher übernommen hatte. Oder aber ich blamiere mich vor meinen Kindern, die Hilfe bei den Hausaufgaben einfordern“, beschreibt die studierte Germanistin.

Die wenigsten Betroffenen, mit denen sie bisher zu tun hatte, seien arbeitslos, stellt Winter klar. „Doch die meisten arbeiten in Niedriglohnbereichen wie Reinigung, Hausmeisterdienste, Gastronomie und Baugewerbe oder haben geförderte Beschäftigungen.“Die Angebote an den Brandenburger Grundbildungszentren würden Menschen eine zweite Chance und neue berufliche Möglichkeiten eröffnen, betont Bildungsminister Günter Baaske (SPD). „Lesen und Schreiben sind nun einmal die Grundvoraussetzung für ein selbstständiges Leben.“ Nach Angaben des Bildungsministeriums fanden in der Mark seit 2014 mehr als 220 Alphabetisierungskurse für Erwachsene statt, eine landesweite Auswertung der Lernerfolge gab es bisher noch nicht.

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