Pergamonmuseum Berlin : Weltwunder im Dornröschenschlaf

Der Pergamonaltar in seiner ganzen Pracht vor einem Jahr – und nun verpackt auf dem Baustellengelände des Pergamonmuseums  Fotos: rainer jensen
Der Pergamonaltar in seiner ganzen Pracht vor einem Jahr – und nun verpackt auf dem Baustellengelände des Pergamonmuseums Fotos: rainer jensen

Der Pergamonaltar gilt als eines der großartigsten Kunstwerke der Antike. Zurzeit steht er verhüllt mitten in einer gigantischen, hoch komplizierten Baustelle

svz.de von
11. September 2015, 12:00 Uhr

Von oben baumelt eine abgerissene Neonleuchte herunter, und an der Wand steht noch „Ständige Ausstellung“. Aber die einstige Tür dorthin ist nur mehr ein gähnendes Loch.  Darunter öffnet sich eine gigantische Baugrube. Im ehemaligen Ehrenhof des Pergamonmuseums legen Bagger behutsam altes Gemäuer frei, ein Spezialgerät treibt bis zu 20 Meter lange Pfähle in den Grund, der Betonmischer läuft heiß.

Berlins größtes und beliebtestes Museum mit jährlich mehr als einer Million Besuchern hat sich in eine Mammutbaustelle verwandelt, noch dazu in eine höchst ungewöhnliche. Denn im Inneren liegt der Saal mit dem weltberühmtem Pergamonaltar, einem der großartigsten Kunstwerke der Antike. Weil der monumentale Steinkoloss – eine Rekonstruktion mit den hochempfindlichen Originalfriesen – aus Sicherheitsgründen  nicht ausgebaut werden sollte, steht die Sanierung des Hauses unter besonderen Vorzeichen. „Dieses Projekt ist anders als alles, was wir bisher auf der Museumsinsel gemacht haben“, sagt Barbara Große-Rhode, Referatsleiterin beim verantwortlichen Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). „Hier ist die historische Architektur des Hauses unmittelbar mit den Kunstwerken verbunden. Deshalb sind völlig andere Schutzmaßnahmen erforderlich.“

Knapp ein Jahr ist es her, dass die Besucher einen letzten Blick auf den Altar mit dem legendären Gigantenfries werfen konnten. Seither sind die steinernen Zeugnisse aus dem 2. Jahrhundert vor Christus in einen akribisch überwachten Dornröschenschlaf versetzt. Eine stabile „Einhausung“ aus metallenen Steckplatten schützt den mehr als 33 mal 35 Meter großen Säulenbau vor Schlag und Staub, die monumentale Freitreppe in der Mitte ist mit Pressholz gesichert.

Hinter diesem Schutzschild  führen die olympischen Götter um Zeus und seine  Tochter Athene nun still den Kampf gegen die irdischen Giganten. Besonders gefährdete Teile des Hochreliefs sind mit Spezialgurten gesichert – hier der kraftvoll ausgereckte  Arm eines Kriegers, dort der anmutig vorgeneigte Kopf einer Göttin. Die einzelnen Friesplatten wurden mit Abstandshaltern gegeneinander fixiert, sogenannte Rissmarken sollen kleinste Verschiebungen anzeigen.

Dazu gibt es ein ausgeklügeltes System elektronisch gesteuerter Kontrollen: Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden rund um die Uhr überwacht. Zudem zeigen Sensoren an den Säulen an, wenn es durch die Bauarbeiten zu unliebsamen Schwingungen kommt. Und um den Altar sind – wie an vielen anderen Stellen der Hauses – waagrecht dünne Schläuche mit einer bläulichen Flüssigkeit gespannt, von den Fachleuten „Schlauchwaagen-Messsystem“ genannt.

Gäbe  das Fundament auch nur einen Millimeter nach, schlüge die digitale Anzeige an – Bauleitung und Planer würden  in Echtzeit informiert. Schon bei den festgelegten „Voralarmwerten“  sollen sie eingreifen und notfalls die Arbeiten stoppen. „Irgendwann werden wir einen Zustand haben, bei dem – überspitzt gesprochen – der Raum keine Decke und keinen Boden mehr hat. Und dafür muss der Altar natürlich entsprechend geschützt sein“, sagt Christina Haak, stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin.

Tatsächlich haben die Experten dem Haus eine ziemliche Radikalkur verordnet. Der bis in die Kaiserzeit zurückreichende Bau, 1930 nach Plänen des Architekten Alfred Messel eröffnet, ist in Teilen marode, die Technik überaltert, eine Klimaanlage fehlt. Nun soll das Gebäude von Grund auf saniert und an moderne Museumsstandards angepasst werden. Der Entwurf stammt von dem inzwischen verstorbenen Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers.

Das Projekt läuft im Rahmen des Masterplans für die Berliner Museumsinsel, die mit ihren fünf Häusern als weltweit einzigartiges Ensemble seit 1999 unter dem Schutz der Unesco steht. Das Bode-Museum, die Alte Nationalgalerie und das Neue Museum haben ihre Frischzellenkur bereits hinter sich. Auch am Alten Museum ist das Dringlichste bereits gemacht. Nun also der mit Abstand dickste Brocken, das Pergamonmuseum mit seinen Sammlungen antiker, vorderasiatischer und islamischer Kunst.  Um das Haus nicht auf Jahre hinaus ganz schließen zu müssen, läuft die Renovierung in zwei Abschnitten.  2013 begannen  die Bauarbeiten im Nordflügel, im vergangenen September wurde auch der mittlere Trakt mit dem Pergamonaltar geschlossen. Im Südflügel sind, buchstäblich Tür an Tür zur Großbaustelle, weitere Glanzstücke wie das Markttor von Milet, die Mschatta-Fassade und das Ischtar-Tor unverändert zu sehen. „Wir operieren am offenen Herzen und sind doch froh, dass der Museumsbetrieb trotz großer Einschränkungen weiterläuft und das Haus auch ohne Altarsaal gut besucht ist“, sagt Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz oberster Bauherr auf der Museumsinsel.

385 Millionen Euro hat der Bundestag für das Gesamtprojekt bewilligt, Stand 2007. Im ersten Bauabschnitt, der voraussichtlich bis 2019  läuft, stehen schon einige der größten Herausforderungen an. Insgesamt wurden fast 440 000 Objekte entfernt und 388 Räume leergeräumt – rund 400 Lkw-Fahrten mit mehr als 3000 Paletten waren nötig.

Der bei Denkmalschützern als besonders sensibel geltende Nordflügel ist rundum mit einer massiven Metallkonstruktion abgestützt.  „Wir nehmen das Gebäude praktisch in die Zange, um die notwendigen Rückbauten für den Einbau der neuen Treppenhäuser vornehmen zu können“, erklärt Referatsleiterin Große-Rhode.

Auf der künftigen Hauptausstellungsebene öffnet sich ein großer, langgestreckter Raum mit sorgsam freigelegten Rundbogenfenstern. Hier soll später die reich geschmückte Fassade der jordanischen Wüstenresidenz  Mschatta erstmals in voller Länge  aufgebaut werden, wenn das derzeit bedrängt im  Südflügel untergebrachte Islamische Museum  im Nordflügel mehr Platz bekommt. 

Für 2019 hoffen die Verantwortlichen auf eine Wiedereröffnung der Museums-Ikone. Nahtlos beginnt dann der zweite Bauabschnitt mit einer Sanierung des Südflügels und dem Neubau des einst vom Architekten Messel schon geplanten vierten Flügels. „Der Weg zu den Monumental-Architekturen der Menschheitsgeschichte wird künftig nicht mehr in einer Sackgasse enden, sondern als Rundgang erlebbar sein“, sagt Museen-Direktorin  Haak.

Freilich: Ob alles nach dem Zeit- und Kostenplan läuft, möchte derzeit niemand beschwören.  Anfangs hatte schon die Ankündigung für Kritik gesorgt, der  Pergamonaltar werde für fünf Jahre nicht zu sehen sein. „Die fünf Jahre sind länger, als eine aus dem Ruder gelaufene Menschheit brauchte, um den Ersten Weltkrieg abzuwickeln und das alte Europa zum Einsturz zu bringen“, polemisierte etwa der Schriftsteller Gerhard Falkner („Pergamon Poems“).

Inzwischen sind auch die Verantwortlichen mit Prognosen vorsichtig.  Grund sind nicht zuletzt die schwierigen Bodenbedingungen in Berlin, die etwa  bei der Staatsoper und dem geplanten  zentralen Eingangsgebäude zur Museumsinsel („James-Simon-Galerie“)  für eine Kostenexplosion und jahrelange Verzögerungen sorgen.

Voraussichtlich ab 2025/26 soll das ganze Museum wieder zugänglich sein – mit einer neuen Brücke über den Kanal und einer direkten Anbindung an die James-Simon-Galerie. Allein durch die lange Planungs- und Bauzeit, räumt das Bundesbauamt ein,  seien „Kosten- und Terminfortschreibungen“ nicht auszuschließen. Oder wie  Bauherr Parzinger gern sagt:  „Bei Sanierungen im alten Bestand ist man auch bei guter Planung vor Überraschungen nicht gefeit.“   

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