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Brandenburg

24. November 2017 | 05:06 Uhr

Weite Wege, wenig Geld

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Gründe für den dramatischen Mangel an Azubis in Brandenburg sind vielfältig

svz.de von
erstellt am 15.Dez.2015 | 00:38 Uhr

In kaum einem anderen Bundesland bleiben so viele Lehrstellen unbesetzt wie in Brandenburg. Die Ursachenforschung bei den hiesigen Kammern läuft. Einig ist man sich darüber, dass der Verweis auf die demografischen Veränderungen als Erklärung nicht ausreicht.

Im Jahr 1993 zählte die Handwerkskammer für Ostbrandenburg über 7000 Lehrverhältnisse, jetzt sind es rund 2000. „Die Betriebe suchen dringend Nachwuchs, sind sehr offen, akzeptieren auch Bewerber ohne die optimalen Kompetenzen, aber oft reicht auch das nicht“, sagt Michaela Schmidt, Abteilungsleiterin für Berufsbildung bei der Kammer mit Sitz in Frankfurt (Oder). Laut einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft blieben 2014 in Brandenburg 11,4 Prozent der Lehrstellen unbesetzt, eine Quote fast doppelt so hoch wie im Bundesschnitt (6,6).

Die Expertin kann eine Fülle von Gründen für die Misere anführen, sie hat auch Lösungsansätze parat, deren Umsetzung aber eine große Herausforderung ist. Zunächst einmal haben die Jugendlichen heute so viel Auswahl beim Weg nach der Schule wie nie zuvor. „Selbst Eltern, die sich dahinterklemmen, dürften es schwer haben, die Übersicht zu behalten“, schätzt Michaela Schmidt ein. Auf dem Vormarsch ist zum Beispiel das duale Studium, also eine Hochschulausbildung mit integrierten Praxisblöcken in Unternehmen. Außerdem ziehe es heute auch Schüler zum Abitur, die dafür nur bedingt das Zeug haben, zu denen eine Berufsausbildung besser passen würde. Übrig würden 40 Prozent der Schüler eines Jahrgangs bleiben, „und um die schlagen sich dann alle Kammern“.

Für Brandenburg komme erschwerend hinzu, dass es nach wie vor viele Schulabgänger nach Berlin oder gar weiter weg zieht. Ein möglicher Ausweg in den Augen von Michaela Schmidt: „Die Ausbildungsangebote der Betriebe müssen in den nächsten Jahren noch attraktiver werden.“ Das gehe bei der Vergütung oder der Erstattung von Fahrtkosten zur Berufsschule los und reiche bis zu einer guten Betreuung der Azubis im Betrieb.


Vorzüge einer Berufsausbildung


Vor allem die mitunter weiten Wege zur Berufsschule würden 16-Jährige vor Probleme stellen, da sie keine Autos haben und viele Regionen schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sind. Die Wege hätten sich für viele Azubis in den vergangenen Jahren sogar verlängert, weil viele märkische Berufsschulen ihre Angebotspalette eingeschränkt haben. Eine Hoffnung sei, dass mit den eintreffenden Flüchtlingen in ein paar Jahren Berufsschulstand-orte wiederbelebt werden könnten. Außerdem setze man als Kammer alles daran, den Jugendlichen die Vorzüge einer Berufsausbildung näher zu bringen : hervorragende Chancen auf Übernahme und Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zum Meister und zum Betriebswirt.

Mit diesem Pfund will auch die Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg wuchern. „Mit einer verkürzten Lehre und einer Weiterbildung können junge Leute nach vier Jahren Berufsausbildung für ein Unternehmen wertvoller sein als ein Hochschulabsolvent mit Bachelor-Abschluss, aber ohne große Praxis-Erfahrung“, betont Michael Völker, Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK. Die Kammer arbeite daran, an den Schulen regionale Firmen als mögliche Arbeitgeber bekannt zu machen und Karrieremodelle aufzuzeigen. An die Ostbrandenburger Unternehmen, von denen nur die Hälfte ihre Azubis nach Tarif bezahle, appelliert er, über eine höhere Vergütung nachzudenken, um sich Nachwuchs zu sichern.

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