Manchmal ist Flucht der bessere Ausweg : „Weichen Sie einem Kampf aus"

Ein Streit muss nicht zum Ausbruch von Gewalt führen.
Ein Streit muss nicht zum Ausbruch von Gewalt führen.

Der Potsdamer Polizeioberkommissar Steffen Meltzer hat einem Ratgeber zum Thema Gefahrenabwehr geschrieben

svz.de von
23. Februar 2019, 05:00 Uhr

Viele werden sich noch an den Fall Tugce erinnern. An die Frau, die sich für andere einsetzte und dafür mit ihrem Leben bezahlte. An die Frau, deren Schicksal ganz Deutschland bewegte und die zum Symbol für Zivilcourage und Mut wurde: Es ist die Nacht des 15. November 2014, als die Studentin in Offenbach unterwegs ist. Auf dem Parkplatz einer McDonalds-Filiale kommt es zum Streit mit einer Gruppe Jungs. Tugce Albayrak will zwei jüngere Mädchen verteidigen, die zuvor auf der Toilette von den Jungen belästigt worden waren. Aus bösen Worten wird Gewalt. Der 18-jährige Serbe Sanel M. schlägt der 22-Jährigen ins Gesicht. Tugce stürzt mit dem Hinterkopf auf den Boden. Sie  erleidet eine Gehirnblutung, fällt ins Koma und wird für hirntot erklärt.

Nach ihrem Tod steigt die junge Frau mit türkischem Migrationshintergrund zu einer Art Heldin auf, die für ihren Mut sterben musste. Wäre die Tragödie vermeidbar gewesen? Der Potsdamer Polizeioberkommissar Steffen Meltzer sagt Ja. Seiner Ansicht nach hat Tugce die Situation falsch eingeschätzt, indem sie die emotional aufgeheizte Szenerie nicht verließ und sich stattdessen in die unmittelbare Reichweite des Schlägers bewegte.

„Wann immer Sie können, weichen Sie einem Kampf aus!“, lautet eine von Meltzers Empfehlungen in seinem „Ratgeber Gefahrenabwehr“, der kürzlich in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen ist.

Der Fall Tugce ist kein Einzelfall. Meltzer weiß: „Es gibt viele Beispiele von Zivilcourage, die auf tragische Weise enden: mit schweren Verletzungen oder sogar dem Tod.“ Zweck des Einschreitens könne nicht sein, sich unnötig in Gefahr zu bringen. Wer Zeuge einer Straftat wird, solle am besten sofort die Polizei rufen oder andere Zeugen auffordern, gemeinsam aktiv zu werden. „Keinesfalls sollte man den Helden spielen“, warnt der Autor.

Der 56-Jährige hat lange Erfahrung als Polizeitrainer. In vielen Seminaren hat er mit Kollegen richtiges Verhalten in brenzligen Situationen geübt – etwa bei Amoklagen oder Einsätzen, bei denen es die Beamten mit häuslicher Gewalt zu tun haben.

Im „Ratgeber Gefahrenabwehr“ wendet sich der Polizeioberkommissar an „normale Menschen“ und zeigt, wie sich jedermann in gefährlichen Situationen schützen kann, indem er richtig reagiert. Wie verhalte ich mich bei einem Raubüberfall? Wie wehre ich mich gegen sexuelle Belästigung? Wie gehe ich mit Stalking um?

Wer in eine brenzlige Situation gerät – ob als Zeuge oder potenzielles Opfer –, sollte hellwach sein ohne in Panik zu verfallen. „Eine problematische Schockstarre lässt sich minimieren oder vermeiden, wenn man sich mit möglichen Krisensituationen gedanklich vorab befasst hat“, so Meltzer. Er nennt es die Entwicklung eines „gelassenen Gefahrenbewusstseins“, das weder etwas mit Ängsten noch Verfolgungswahn zu tun habe. „Wir besitzen alle Fähigkeiten, Gefahrensituationen erfolgreich zu meistern. Leider sind diese nicht selten im Laufe der Jahre verloren gegangen. Das Buch soll helfen, sie wieder zu aktivieren.“

Manchmal kann es durchaus helfen, forsch aufzutreten. Meltzer beschreibt folgende Begebenheit: Eine ältere Dame steht an einer Bushaltestelle. Ein Jugendlicher beginnt, die Seniorin zu beleidigen und zu bedrohen: „Na Oma, paar auf die Fresse haben oder was?!“ Die Rentnerin entgegnet: „Aber nur, wenn du das Echo verträgst!“ Der Junge: „Haha. Es gibt von mir gleich auf die Platte!“ – „Na dann komm her, Kerlchen, komm!“ Der verdutzte Jugendliche verzieht sich daraufhin.

Was führte dazu, dass der vorlaute Aggressor plötzlich klein bei gab? Die Sicht des Opfers: „Man muss dem Gegenüber immer fest in die Augen schauen; das allein bewirkt viel. Dann habe ich gezeigt, dass ich keine Angst habe; auch weil ich zurückgeschlagen hätte. Er hat gemerkt, er würde mit mir kein leichtes Spiel haben.“ Aus Meltzers Sicht hat die Seniorin alles richtig gemacht, die Lage souverän gemeistert.

Anders sieht es aus, wenn die Situation eine weitaus gefährlichere ist. Wenn man mit jemandem in Streit gerät und Opfer eines tätlichen  Angriffs werden könnte. „Versuchen Sie, nicht zu provozieren“, rät Meltzer. „Weichen Sie räumlich aus, so gut das möglich ist. Starren Sie nicht in die Augen des Täters; zeigen Sie weder Überheblichkeit noch Unterwürfigkeit. Bleiben Sie unbedingt sachlich, ergreifen Sie die Initiative. Schauen Sie nach Zeugen!“

Kommt es doch zu einem tätlichen Angriff, sollte man sich durch Weglaufen wehren, rät der Experte, und versuchen, andere Menschen direkt anzusprechen. „Oder verteidigen Sie sich aktiv! Sie haben ein Notwehrrecht!“ Das Recht müsse nicht dem Unrecht weichen. Jedoch sei die Flucht mitunter die beste Lösung, um beispielsweise einen Überfall unbeschadet zu überstehen.

Besondere Vorsicht sei geboten, wenn es sich beim Täter um einen psychisch kranken Menschen handelt. „Das kann extrem gefährlich werden. Auch für Polizisten“, erklärt Meltzer. Der Umgang mit psychisch gestörten Tätern sei für Polizisten einer der schwierigsten Einsätze.

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