Zeit für eine neubetrachtung : Was in der DDR über dem Sofa hing

Ausstellungskuratorin Lisa Wedekind steht steht mit Exponaten der neuen Ausstellung vor einem Wandteppich der Künstlerin Christl Prange.
Ausstellungskuratorin Lisa Wedekind steht steht mit Exponaten der neuen Ausstellung vor einem Wandteppich der Künstlerin Christl Prange.

Vor dem Umzug des Eberswalder Museumsdepots kam vieles zum Vorschein, das Anstoß für eine neue Ausstellung war

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23. November 2019, 05:00 Uhr

Der üppige Wandteppich ist sieben Meter lang und zeigt das malerische Finowtal, umrahmt von der Eberswalder Industrielandschaft: Kräne und Schornsteine sind zu erkennen, auch das Kloster Chorin ist zu sehen. Die Hallenser Künstlerin Christl Prange, die damals im Barnim lebte, webte ihn Mitte der 1970er Jahre. Im Eberswalder Kulturhaus „Rotes Finowtal“ aufgehängt, verschwand das Textilstück nach der Wende im Depot des Museums. Erst kürzlich wurde es wieder entdeckt und gereinigt.

Nun hängt der riesige Wandteppich als Blickfang in der neuen Sonderausstellung „Kunst von hier. Entdeckt in Stadt- und Kreisbesitz 1949-90“, die am Freitag im Eberswalder Museum eröffnet wurde. „Die Idee für diese Schau entstand während unserer Bestandsaufnahme im Depot“, erzählt Museumsleiterin Birgit Klitzke.

Die Sammlung von rund 10  000 Objekten wird seit Monaten erfasst und sortiert, bevor das Depot an einen neuen Standort zieht. „Dabei fielen uns immer wieder Kunstwerke in die Hände, die zu DDR-Zeiten entstanden sind und in Vergessenheit gerieten.“ Eine Auswahl dieser Gemälde, Plastiken, Grafiken und textilen Arbeiten, darunter auch Exponate aus dem Bestand der Kreisverwaltung Barnim, wird in der Sonderausstellungein Jahr lang gezeigt. 30 Jahre nach dem Mauerfall sei die Zeit dafür reif, das Interesse der geschichtsaffinen Eberswalder groß, meint die Museumsleiterin. „Jetzt setzen sich die Leute wieder damit auseinander, wollen wissen, wie die Arbeiten entstanden sind.“ „Nicht alles waren Auftragswerke für öffentliche Einrichtungen“, so Kuratorin Lisa Wedekind.

In Vorbereitung der Schau hat die Kunsthistorikerin jene Künstler befragt, deren Werke in Eberswalde gezeigt werden. Das Interview mit Christl Prange hat sie aufgenommen, es kann in der Schau an einer Station nachgehört werden. „Die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber DDR-Kunst hat tatsächlich deutlich zugenommen, wie auch wir merken“, bestätigt Florentine Nadolni, Leiterin des im Frühjahr 2019 an neuem Standort eröffneten Kunstarchivs Beeskow (Oder-Spree) mit 23 000 Kunstobjekten. Das liege vor allem an namhaften deutschen Museen mit ihren neuen Ausstellungsformaten und -betrachtungen.

Die Eberswalder Ausstellung soll Klitzke zufolge auch Anlass sein, sich mit der Frage zu beschäftigen, was mit dem Nachlass der vielen in der Region lebenden Künstler werden soll. „Museen allein können diese Werke nicht bewahren“, ist sie überzeugt. Die Schau soll während der langen Dauer noch wachsen. Die Bürger sind aufgerufen, dem Museum Kunst als Leihgaben zur Verfügung zu stellen, die sie zu DDR-Zeiten über dem eigenen Sofa im Wohnzimmer aufgehängt hatten. Erste Objekte seien bereits da.

Kuratorin Wedekind zeigt auf eine kleinformatige, signierte Grafik des bekannten DDR-Künstlers Arno Mohr von 1990. „Die hatte ein Eberswalder Paar vor 30 Jahren ersteigert, als es sich kennenlernte. Die beiden sind heute noch zusammen und das Kunstwerk hängt noch immer über ihrem Sofa“, erzählt die Kunsthistorikerin, die die Geschichten zu den Leihgaben direkt neben die Werke positionieren wird.

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