Extremsport : Waghalsige Sprünge in die Tiefe

Kurz vorm Start: Pilot Harald Schulz sitzt auf seinem Trike mit einem Motorgleitschirm und dahinter sitzt Basejumper Karsten Wischnewski, der einen weiß-grünen Wingsuit (Flügelanzug), trägt.
Kurz vorm Start: Pilot Harald Schulz sitzt auf seinem Trike mit einem Motorgleitschirm und dahinter sitzt Basejumper Karsten Wischnewski, der einen weiß-grünen Wingsuit (Flügelanzug), trägt.

Demnächst kommen die Basejumper wieder zu ihrem Jahrestreffen zusammen. Karsten Wischnewski aus Müllrose trainiert schon ausgiebig

svz.de von
01. September 2017, 05:00 Uhr

Konzentriert schlüpft Karsten Wischnewski in einen weiß-grünen Anzug mit Arm- und Beinflügeln, der irgendwie an Fledermäuse oder Flughörnchen erinnert. Das Ganze nennt sich Wingsuit und funktioniert ähnlich wie eine Luftmatratze. Während des Fluges füllen sich Kammern über spezielle Öffnungen durch den Druck mit Luft. „Damit kann der vertikale Fall aus einem Flugobjekt in eine horizontale Flugbewegung umgewandelt werden und ich bin länger in der Luft“, erklärt der 35 Jahre alte Extremsportler, bevor er zu seinem Sportpartner Harald Schulze in dessen zweisitziges Gleitschirmtrike steigt.

Von einem Motor mit Propeller angetrieben, rast das Gefährt über ein Feld nahe Frankfurt (Oder), bevor es sich in die Lüfte erhebt. In etwa 1000 Metern Höhe springt Wischnewski ab und segelt zunächst in seinem Wingsuit mehr als eine Minute lang frei herunter. Über Reißverschlüsse ist der Fluganzug mit einem Fallschirm verbunden, den der Extremsportler schließlich auslöst, um eine gebremste Landung zu ermöglichen.

Auch Schulz landet mit dem Trike wieder, nickt zufrieden. Der Klavierbauer aus Lebus (Märkisch-Oderland) und der Extremsportler aus Müllrose (Oder-Spree) sind bereits ein eingespieltes Team. Doch als Wischnewski ihn vor gut einem Jahr ansprach, war Schulz zunächst skeptisch. „Ich dachte nur: Wie kann man so verrückt sein, aus einem Fluggerät zu springen – ohne Not“, erinnert er sich augenzwinkernd. Sein Gleitschirmtrike ist zugelassen zum Absetzen von Fallschirmspringern, also probierten es beide. „Ich lege in der Luft den Leerlauf ein und er springt“, sagt Schulz, und die Anerkennung in seiner Stimme ist hörbar. Der Karsten sei schon „ein ganz Besonderer“.

Über das Fallschirmspringen fand Wischnewski vor neun Jahren Gefallen am Fliegen. „Wenn du aus 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug springst, landest du zunächst sofort auf einem Luftpolster, hast nicht das Gefühl zu fallen“, erzählt er. Die Kunst bestehe darin, mit der Luft zu arbeiten und im richtigen Augenblick die Reißleine für den Fallschirm zu ziehen. Doch das reichte dem hauptberuflichen Stahlwerker schon bald nicht mehr. Als er das erste Mal Basejumper beobachtete, habe ihn diese Technik fasziniert. Von Windrädern, hohen Gebäuden oder von Bergen aus springen diese Extremsportler in die Tiefe.

„Die nutzbare Höhe liegt dabei nur zwischen 100 und 2000 Metern. Du beschleunigst im freien Fall nach unten, je nach Absprunghöhe auf 80 bis 200 Stundenkilometer, bevor der Fallschirm zum Einsatz kommt und den Flug abbremst“, sagt Winschnewski. Eine weitere Herausforderung des Basejumpens sei der geringe Platz während des Sprungs – etwa zwischen schmalen Häuserschluchten.

Wegen der vielen baulichen Hindernisse könne der Wind dort manchmal ziemlich turbulent werden. „Bevor wir dort oder auch von Windrädern springen, müssen wir die Genehmigung der Eigentümer einholen“, erklärt der gebürtige Eisenhüttenstädter.

Das laufe über den Verein Deutscher Objektspringer mit Sitz in Fehrbellin (Ostprignitz-Ruppin), der bundesweit etwa 100 Mitglieder hat. Das Springen von Gebäuden ist seiner Einschätzung nach die „Königsklasse“ dieses Extremsportes, da es am anspruchsvollsten ist.

Wischnewski freut sich bereits auf das Jahrestreffen der deutschen Basejumper vom 8. bis 10. September in Lichterfeld (Elbe-Elster). Denn dort wird es noch extremer: Die einstige Förderbrücke F 60 im Lausitzer Braunkohletagebau ist lediglich 75 Meter hoch. „Es gibt zwar unterschiedliche Absprungvarianten, aber bei der geringen Höhe muss der Fallschirm natürlich sofort aufgehen“, sagt er. Dafür aber gebe es unter der Brücke viel Platz zum Landen, niemand müsse punktgenau springen.

Die F 60 Concept GmbH betreibt dort ein Besucherbergwerk. Geschäftsführer André Speri sagt: „Das sind alles seriöse Sportler, erfahrene Fallschirmspringer und keine lebensmüden Typen.“ Die Brücke sei legal begehbar und biete ideale Bedingungen für gleich mehrere Sprünge am Tag, die Sicherheit stehe dabei immer im Vordergrund.

Wischnewski trainiert regelmäßig – vor allem Sprünge aus Flugzeugen, denn auch das Landen muss geübt werden. Rund 7000 Euro kosten ihn Reisen, Ausrüstung und Sprünge jährlich. Denn er nutzt viele Events von Extremsportlern weltweit. „Ich verbinde das meist mit meinem Urlaub. Dann kommt auch meine Frau mit“, sagt er. Allerdings nicht als aktive Springerin – der Sport ist fest in Männerhand. „Es gibt zwar auch Frauen, die basejumpen, aber nur wenige. Männer sind eben oft risikobereiter“, glaubt Wischnewski. Er selbst brauche niemandem etwas zu beweisen. Deshalb lehne er häufig auch ab, wenn ihm ein Sprung zu gefährlich erscheine.

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