Vorzeigefach löst sich von innen auf

Experten beklagen dramatischen Profilverlust des einstigen brandenburgischen LER-Unterrichts

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06. November 2015, 20:00 Uhr

Mit dem einstigen brandenburgischen Vorzeigefach LER geht es bergab. Das ist das Fazit einer geführten Diskussion im Bildungsausschuss des Landtages. In den 90ern wurde das Fach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde zunächst als Modellversuch in Brandenburg eingeführt. Die Kirchen zogen gegen die Einführung des Faches, das als Pflichtfach für alle Kinder bindend sein sollte, bis vor das Bundesverfassungsgericht. Sie wollten die Wahlfreiheit zwischen Ethikunterricht und Religionsunterricht wie in anderen Ländern durchsetzen. Als Kompromiss wurde LER als Pflichtfach eingeführt, von dem Schüler sich unter bestimmten Bedingungen jedoch abmelden können.


Nur 590 qualifizierte Lehrkräfte


Der Fachverband LER bemängelte, dass der Unterricht immer stärker von nicht für das Fach ausgebildeten Lehrern erteilt wird. Landesvorsitzender Peter Kriesel erklärte, dass unter der rot-roten Regierung – also von den beiden Parteien, die LER am stärksten gefordert hatten – der fachgerecht erteilte Unterricht auf 45 Prozent gesunken sei. Für LER bestehe die Gefahr, zu einem nicht sachgemäß erteilten „Laberfach“ zu werden.

Von den 1370 im vergangenen Schuljahr eingesetzten Lehrkräften waren nur 590 für das Fach qualifiziert. 101 ausgebildete LER-Lehrer wurden im vergangenen Jahr für andere Fächer eingesetzt, so die Statistik des Fachverbandes. Im Jahr 2005 waren noch 727 Fachlehrer im Einsatz. An den Gymnasien ist die Zahl der Abmeldungen von LER von 15,7 Prozent im Jahr 2007 auf 24,1 im Jahr 2012 gestiegen. Neuere Zahlen wurden nicht erhoben.


Wird an Gymnasien nicht mehr ernst genommen


Christina Gruhne, Fachseminarleiterin LER an der Universität Potsdam, erklärte, dass die von ihr betreuten Referendare berichten, dass das Fach an den Gymnasien nicht mehr ernst genommen wird. „Das Fach löst sich von innen her auf“, sagte sie. Das sei umso erschreckender, als die Ausbildung von LER-Lehrern an der Universität Potsdam sich deutschlandweit großer Beachtung erfreut. Viele Absolventen wandern jedoch inzwischen lieber nach Berlin ab.

Bildungsminister Günter Baaske (SPD) verwies darauf, dass es schwer sei, an kleinen Grundschulen, wo nur zwei Wochenstunden LER erteilt wird, ausgebildete Fachlehrer einzusetzen. Trotzdem sei es besorgniserregend, dass die Zahl der eingesetzten Pädagogen rückläufig ist. Die Ausschussvorsitzende Gerrit Große (Linke) bezeichnete die Zustandsbeschreibung als „Ohrfeige“ für die brandenburgische Bildungspolitik.

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