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Kulturmarke : Von der Lust an alten Dingen

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Kai-Uwe Rettig und Sindy Koba leben nicht nur im Brieschter Forsthaus, sie haben den Ort auch für Kulturveranstaltungen geöffnet.

svz.de von
erstellt am 08.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Am Ende ist es ein Zufall gewesen. 70, 80 Häuser hat sich Kai-Uwe Rettig da schon angeschaut, vor allem preußische Amtsbauten, für die sich der studierte Innenarchitekt besonders interessiert. Nach 15 Jahren in Berlin sucht er gemeinsam mit seiner Partnerin Sindy Koba einen Ort im Brandenburgischen, wo sie leben und arbeiten, Kunst, Kultur und Alltag unter einen Hut bekommen können. Dann, auf der Durchfahrt durch das nur 200 Einwohner zählende Örtchen Briescht (Landkreis Oder-Spree), sieht Rettig sie plötzlich, die „Alte Försterei“ – leer und völlig eingewachsen. „Ich hatte es gleich vor Augen“, sagt er. „Hier könnte ich mir das vorstellen.“

Acht Jahre sind seitdem vergangen. Und glaubt man dem 43-Jährigen, ist alles so gekommen, wie er es sich erhofft hat. Die „Alte Försterei Briescht“ ist nicht nur als Wohnhaus wiederbelebt, sondern in der Region auch zur Kulturmarke geworden. Von Frühjahr bis Herbst werden in der mehr als 100 Jahre alten Scheune, die zum Grundstück gehört, regelmäßig Konzerte angeboten, Filmvorführungen, Theater, Ausstellungen und Lesungen.

„Wir sind von Anfang an gleich in die Öffentlichkeit gegangen“, erzählt Sindy Koba. Kaum eingezogen, öffneten sie und Rettig die Pforten zum Tag des offenen Denkmals. Das Interesse war groß. „Das hier ist ein geschichtsträchtiger Ort“, versucht Rettig eine Begründung. „Hier stand auch mal das Gutshaus, die Keimzelle des Dorfes.“

Die ersten Kulturangebote in der „Alten Försterei“ sind dann traditionelle Feste: Neben Jazz und Gypsie gibt es Blasmusik, und der jährlichen Einladung zur 1.-Mai-Feier folgen bald so viele, dass die jungen Veranstalter davon wieder Abstand nehmen müssen.

„Den Anspruch, wir bringen hier Kunst und Kultur her, weil es einen Bedarf dafür gibt, haben wir schnell wieder aufgegeben“, sagt Rettig. Seine Klientel hat er nicht nur in der Region, sondern zunehmend in Berlin und in dem eine knappe Autostunde entfernten Frankfurt (Oder) ausgemacht. Mit den Jahren hat sich dort eine Fangemeinde entwickelt, die weiß, dass sie am Rand des Spreewaldes zum Beispiel Bands ganz hautnah erleben kann. „Wir kriegen sehr viele Anfragen. Offenbar mögen die Musiker den Ort, vielleicht, weil er so authentisch ist, die alten Dinge hier sprechen.“

Denn: „Alter Kram“ interessiert Rettig schon seit seiner Kindheit. Die Liebe dazu habe er wohl von seinem Vater geerbt. Mit den Jahren kam zur Sammelleidenschaft der Gestaltungswille: In Groß Leuthen (Gemeinde Märkische Heide), wo er in den 90er-Jahren das mittlerweile ins Lieberoser Schloss umgezogene Rohkunstbau-Festival mitgegründet hat, war es eine Scheune, die Rettig mit „alten Artikeln“ vollstopfte. Nun sind es die Brieschter Försterei nebst Scheune und Nebengelass. „Sie werden hier nichts Neues finden“, frohlockt er, „außer die Gläser vielleicht.“ Im Haus haben die neuen Bewohner gerade mal die Tapeten entfernt sowie die Fenster abgebrannt und neu gestrichen.

Für Rettig ist es die Erfüllung eines Traumes. Endlich Platz für Objekte wie den Tresen aus Berlin-Schöneberg, an dem schon Marlene Dietrich einst für ihren Vater das Bier bestellt haben soll. Als Ausschank in der vor zwei Jahren zum Veranstaltungsraum für den Winter ausgebauten „Dietrich-Galerie“ hat er nun zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgefunden.

Zu voll geworden ist es auf dem Grundstück zwischenzeitlich trotzdem. Weshalb die Idee eines Hoftrödels entstand. Dass daraus einmal einer der größten Antik- und Trödelmärkte der Region werden würde, ist selbst für Rettig und Koba wohl nicht abzusehen gewesen. Viermal im Jahr liefert ihre von Dorfstraße und Spree begrenzte Wiese das Parkett für unzählige Stände, an denen historische Möbel ebenso zum Verkauf stehen wie Geschirr, Bücher, Spielzeug und alte Comichefte.

Wohl wissend, dass es im Dorf nicht jedem gefällt, wenn an den betreffenden Sonntagen die Straßenränder bis zum Ortsausgangsschild von den Autos der Schnäppchenjäger zugeparkt sind.

Für Rettig selbst ist es „das Paradies auf Erden“: ein Trödelmarkt direkt vor seiner Haustür. Das Besondere am Brieschter Markt ist aber nicht nur die „tolle Mischung aus hochwertigen Artikeln von professionellen Trödlern und dem, was man auf Tante Lieschens Dachboden findet“, wie der Hausherr es formuliert. „Viele kommen auch einfach her, um sich einen schönen Tag zu machen“, erzählt Sindy Koba. Die „Alte Försterei“ als Kommunikationsort: Man sitzt plaudernd unter schattigen Bäumen, hört Live-Musik. „Das geht in Richtung großer Biergarten“, sagt die gebürtige Cottbuserin, „wir haben unser Catering noch mal erweitert, und seit zwei Jahren gibt es einen Spielplatz, so dass es auch Familien möglich ist, hier einen entspannten Sonntag zu verbringen.“

Der Traum von einem Platz, an dem man zugleich leben und arbeiten kann – er scheint sich für die beiden erfüllt zu haben. Oder? „Natürlich hinterfragen wir all das auch immer wieder“, sagt Rettig. „Und wer weiß: Vielleicht ziehen wir ja irgendwann nach Paris? Da sind wir mal auf einem tollen Trödelmarkt gewesen …“

 

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