Potsdam : Unverpackt einkaufen

Carolin Schönborn füllt in ihrem Laden im Potsdamern Stadtzentrum Produkte in mitgebrachte Kundengefäße ab.
Carolin Schönborn füllt in ihrem Laden im Potsdamern Stadtzentrum Produkte in mitgebrachte Kundengefäße ab.

Kampf dem Plastikmüll und gelben Sack – auch in Brandenburg hat der erste kommerzielle Unverpackt-Laden in Potsdam eröffnet.

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16. August 2018, 05:00 Uhr

Nudeln, aber genauso Apfelessig, Balsamico, Kürbiskernöl und Kokosraspeln zum Abfüllen – Carolin Schönborns Laden hat spätestens auf den zweiten Blick nicht viel mit einem herkömmlichen Supermarkt gemein. Wer in dem Anfang Juni eröffneten Geschäft „maßVoll – einkaufen unverpackt“ am Luisenplatz in Potsdam einkauft, geht mit schweren Taschen – und reinerem Gewissen. Denn Plastik gibt es hier nicht. Alles kommt in das wiederverwertbare Einmachglas, die Tupperdose oder Glasflasche.

Nach einem aktuellen Bericht des Umweltbundesamtes (UBA) fielen 2016 in Deutschland gut 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an, 0,05 Prozent mehr als 2015 – und das trotz eines geringeren Plastiktüten-Verbrauchs. Pro Kopf seien das 220,5 Kilogramm; in der EU lag der Verbrauch bei 167,3 Kilo. „Wir produzieren viel zu viel Verpackungsmüll“, stellte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger angesichts der Zahlen fest – „ein trauriger Spitzenplatz in Europa“.

In Deutschland eröffneten die ersten verpackungsfreien Läden 2014; mittlerweile sind es mehr als 70. Auch wenn sie wohl am Markt eine Nische blieben, hätten sie viel Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen – auch für den konventionellen Handel, sagt die Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), Katharina Istel. Nach ihrem Eindruck probieren inzwischen auch immer mehr herkömmliche Supermärkte unverpackt aus. So teilte etwa der Edeka-Verbund Ende Juli mit, gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation WWF ein Mehrwegsystem für die Frische-Theke entwickelt zu haben. Kunden können dort Lebensmittel wie Wurst und Käse in einer Mehrwegdose kaufen, Ware und Dose werden an der Kasse bezahlt. Beim nächsten Einkauf wird das Behältnis zurückgebracht, gereinigt und wiederverwendet. Und Bioketten wie „Denn’s Biomarkt“ und „Bio Company“ bieten mit einer „Unverpackt-Strecke“ in einzelnen Filialen ihren Kunden Nüsse, Reis und Getreide oder Gummibärchen zum Abfüllen an. Ein Hauptproblem sei die Hygiene. Regeln zur Sauberkeit gelten hier genauso wie in jedem Supermarkt, allerdings fehlten noch einheitliche Standards.

Um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen, müssten Unverpackt-Läden vor allem selbst auf Sauberkeit achten, betont Jens Pape, der das Fachgebiet Nachhaltige Unternehmensführung in der Agrar- und Ernährungswirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) leitet. In einem mehrjährigen Projekt hat die Hochschule den verpackungslosen Einkaufstrend unter die Lupe genommen. „Es ist wichtig, dass die Behälter nach jedem Gebrauch wieder verschlossen werden“, erläutert Pape. Darauf müssten Mitarbeiter ein waches Auge haben. Wichtig sei Kunden vor allem die Erreichbarkeit. In einer dreiwöchigen Tagebuchstudie ließ die Hochschule 50 Kunden in Unverpackt-Läden in Münster und in Hamburg ihre Einkäufe dokumentieren. Ergebnis: Neben der Lage seien ihnen Auswahl, Behälter-Management und Beratung wichtig.

Natürlich spiele auch das Preis-Leistungs-Verhältnis eine Rolle, allerdings stünden die Kosten nicht an erster Stelle. Mehr komme es den Kunden auf Bio- und regionale Produkte an, lautet eine Erkenntnis. „Es geht vor allem um Routine“, konstatiert der Hochschullehrer. „Unsere Welt ist davon geprägt, schnell noch auf dem Nachhauseweg den Einkauf zu erledigen.“ So einfach gehe es im Unverpackt-Laden nicht – zumindest nicht ohne eine gute Planung. Behälter müssten bereitgelegt werden.

Carolin Schönborn in Potsdam versucht beim Einkauf der Ware ebenso wie in ihrem Laden so wenig Verpackungsmüll wie möglich zu erzeugen. „Das, was es nicht unverpackt gibt, besorge ich mir eben woanders“, sagt die 29-Jährige. Mehr als 500 Produkte führt sie in ihrem Sortiment – die meisten davon in Bio-Qualität und aus der Region. So stammt die Schokolade von einer Potsdamer Confisserie und Kaffeebohnen holt Schönborn bei einer Kaffeerösterei wenige Straßen entfernt von ihrem Laden ab. Mit Äpfeln und Karotten beliefert sie wiederum ein Bauer aus Werder/Havel (Potsdam-Mittelmark), Säfte und Brotaufstriche kommen von einem Hof in Altglobsow (Oberhavel).

Schönborns Bilanz nach den ersten Wochen fällt positiv aus: „Das Geschäft läuft gut.“ Dabei kämen die Kunden aus ganz Brandenburg. „Zu mir kommen nicht nur die klassischen Ökos“. Für manche zähle auch der „nostalgische Wert“: „Die Älteren kennen das unverpackte Einkaufen noch aus den Zeiten der Tante-Emma-Läden.“ Für sie sei es nicht ungewöhnlich, Nüsse und Nudeln in mitgebrachte Beutel oder Dosen zu füllen.

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