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Landarzt in Schwedt : Unterwegs zu den Menschen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach seiner Flucht aus dem Libanon, einem Studium in der DDR und Stationen in Düsseldorf, Berlin und Schottland ist Amin Ballouz in der Uckermark angekommen

Der Doktor muss telefonieren. Ein Patient bekommt den dringend benötigten Facharzttermin nicht. Amin Ballouz nimmt es selbst in die Hand. „Es ist eine Katastrophe!“, schimpft er zornig. Die Sprechstundenhilfe legt nebenbei ein Papier auf seinen Tisch: „Der Totenschein von Frau M.“ Zu ihr war Ballouz in der Nacht gerufen worden. „Wann war ich da?“, fragt er verwirrt, den Telefonhörer noch immer in der Hand. Die Schwester schaut nach. Vier Uhr.

Immer wieder klingelt Ballouz nach den Schwestern. Er ist ungeduldig. Eine Vertreterin ist angemeldet. Der Arzt vertröstet die Patienten, junge Männer. Er kennt sie aus der Flüchtlingsunterkunft, spricht kurz arabische Sätze. Alle lachen, dann lässt er die Dame in sein Zimmer. „Ich habe nur gesagt, schöne Frauen lässt man nicht warten“, erklärt er verschmitzt und fügt mit Blick auf die Wartenden hinzu: „Die haben alle viel Zeit. Und sie brauchen Zeit. Meine Zeit.“

Seit auch in der Uckermark Hunderte Asylbewerber gestrandet sind, werden sie zu Dr. Ballouz geschickt. Er spricht fließend arabisch, englisch und deutsch. Als er 17 war, musste er selbst aus dem bürgerkriegserschütterten Libanon fliehen. Das war 1976. „Jetzt kommt alles wieder hoch!“

Ballouz wird leise, schluckt, fingert nach dem Taschentuch. Bomben auf Beirut, seine Heimatstadt, zerfetzte Körper, getötete Freunde, die halsbrecherische Flucht in die Berge, nach Syrien, Ägypten, auf morschen, alten Booten übers Meer. Alle Bilder sind wieder da. Die kleine Schwester, die ihren Puppen nachweint, die Tränen der Mutter, die Angst, nie wieder seine Familie zu sehen …

Sein Vater schickte den ältesten Sohn von fünf Kindern auf die Flucht, als dieser als Soldat eingezogen werden sollte. Mit einer Stange Marlboro in der Tasche zur Bestechung der Kontrollposten schlug sich der jugendliche Amin bis in die DDR durch, wo er Medizin studierte. Ein Land, von dem er vorher noch nie etwas gehört hatte – und das es jetzt nicht mehr gibt. Aber die Menschen sind noch da.

Die Vertreterin in Ballouz’ Praxis will wissen, wie er sich in der Uckermark fühle. Der Doktor lehnt sich argwöhnisch zurück. Kleine, kräftige Statur, dunkle Locken, akkurat gebügeltes weißes Hemd, rote Krawatte. Am kleinen Finger funkelt ein großer Siegelring. Nur das lässig um den Hals geworfene Stethoskop lässt darauf schließen, dass Amin Ballouz Arzt ist, Landarzt in der Uckermark, wo der Ärztemangel schon ein Problem war, als in der Politik noch niemand etwas davon wissen wollte. Als der letzte Landarzt aus Gartz im Norden des dünnbesiedelten Landstriches seine Praxis aus Altersgründen aufgab und keinen Nachfolger fand, haben viele Patienten geweint. Sie wussten nicht, wohin. Hausarztpraxen in der Uckermark sind überfüllt, viele nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Dann kam Ballouz.

Ihm rollte man den roten Teppich aus. Als er nach kurzer Zeit doch wieder ging, weil die Hausverwaltung die Praxismiete drastisch erhöht hatte, weinten die Patienten nicht, sondern schimpften. Aber Ballouz ging nicht weit weg, nur knapp 20 Kilometer bis nach Schwedt. Und er eröffnete zusätzlich eine Zweigpraxis im Dorf Pinnow. Seine Patienten aus Gartz hat er behalten. Wer nicht zu ihm kommen kann, den besucht er zu Hause. Mit dem Trabi. Tag und Nacht, unterwegs auf den weiten, einsamen Straßen der Uckermark.

Ballouz war schon Arzt in Köln, in Düsseldorf, in Berlin, sogar in Schottland. „Dort war mir der Himmel zu tief!“ Die Uckermark sei das, was er gesucht habe, sagt Ballouz. Die Menschen.

„Also, was wollen sie mir verkaufen?“ Die Vertreterin will nichts verkaufen. Sie kommt von der Krankenhausgesellschaft, will Netzwerke mit niedergelassenen Ärzten knüpfen, bietet Weiterbildungen an. Da wird Ballouz hellhörig. „Die Medizin entwickelt sich ständig weiter, wir müssen am Ball bleiben. Die Uckermärker leben nicht hinter dem Mond, sie haben auch Internet und informieren sich.“

Und weil hier Fachärzte fehlen, die Patienten entweder lange warten oder fahren müssen, erschließt sich Ballouz selbst immer neue Felder der Medizin. Gerade hat er sich zum Palliativmediziner qualifiziert, der bisher einzige in seinem Wirkungskreis.

Sein Schreibtisch quillt über von Papieren, Ordnern und Fachbüchern: Handbuch der Echo­grafie, Behandlung von Diabetes, Palliativmedizin. In den Regalen stehen Medikamente neben Fotos seiner Familie, Bildern, die Ballouz selbst gemalt hat, und kleinen Modellautos – Trabis in allen Farben und Formen. Der echte mit dem Nummernschild UM-DR 100 steht auf dem Patientenparkplatz vor dem Ärztehaus. Auf dem Schreibtisch, in den Regalen und am Tresen liegen überall Büchlein mit hellblauem Cover herum: „Deutschland draußen“. Es ist ein Buch über ihn, über das Leben des Dr. Amin Ballouz. Der Reporter Jasper Fabian Wenzel hat den Landarzt aus der Uckermark ein halbes Jahr lang begleitet.

Zwischen Facharztterminsuche und Totenschein googelt der Doktor mal fix nach einem anderen Buch: „Tamina“. Eine Geschichte über Frauen im Islam, die er mit übersetzt und illustriert hat. Sein Titelbild provoziert mit Frauen, die sich ihre Kleider vom Leib streifen, als müssten sie sich von verkrusteten Traditionen befreien. Die Grafik hängt auch im Wartezimmer. Ballouz malt leidenschaftlich gern. Seine früheren Bilder sind schwarz. So hat er das Kriegs- und Fluchttrauma verarbeitet, seine Wut über verlogene Ideologien, missbrauchte Religionen und seine verlorene Kindheit. Inzwischen leuchtet Farbe in seinen Bildern. Rot schimmern die Sonnenaufgänge über dem Odertal.

Ein Patient im Wartezimmer hat Schmerzen. Er kann sich nicht verständlich machen. Die Schwestern rufen den Doktor, weil Ballouz arabisch spricht. Auch wenn es nur noch eine seiner Sprachen ist. In erster Linie spricht der Arzt deutsch, weil er in Deutschland lebt. Darauf legt er wert. Sprache ist für Ballouz der erste Weg zur Integration, der wichtigste Schlüssel, andere Kulturen zu verstehen und zu respektieren. Da redet er auch Klartext mit islamischen Männern, wenn es um das Rollenbild der Frau geht. In Deutschland müsse sie nicht fragen, ob sie arbeiten, Auto fahren oder allein ihre Freundin besuchen dürfe. So sei das hier. So müsse das jeder respektieren. Punkt.

Ballouz ist aber auch Seelsorger und Paartherapeut – und er erlebt dramatische Geschichten. „Einmal kam ein arabisches Paar, und die Frau eröffnete in meiner Praxis ihrem Ehemann, dass sie sich trennen und das gemeinsame Kind, das sie erwartete, abtreiben lassen will. Dafür wäre sie in ihrer Heimat verstoßen worden! Sie war zwangsverheiratet worden, erlebte Gewalt und Demütigung. Die Flucht nach Deutschland war für die junge Frau eine Flucht in die Freiheit. Ich habe sie über ihre Rechte in Deutschland aufgeklärt und sie zu Beratungsstellen vermittelt.“ Ballouz redet kurz mit dem Schmerzpatienten im Wartezimmer, wiederholt jeden Satz auf Deutsch. Ein Prinzip des deutsch-libanesischen Landarztes. Der Patient muss zum Zahnarzt. Ballouz bringt ihn mal schnell rüber, um übersetzen zu helfen. Weg ist er. Im Wartezimmer warten die Patienten, im Sprechzimmer wartet die Vertreterin. Wer zu Dr. Ballouz kommt, muss Zeit mitbringen. Die erwarten sie schließlich von ihrem Doktor auch.

„Zuwendung ist der wichtigste Teil der Medizin und manchmal heilsamer als Pillen“, ist Ballouz überzeugt und seufzt: „Das Gesundheitssystem lässt uns leider immer weniger als Ärzte arbeiten. Wir sind auch Geschäftsleute. Die Bürokratie verschlingt enorm viel Kraft und Zeit. Und auch ich muss rechnen, um die Praxis über Wasser halten zu können.“ Deshalb hat er einer seiner Schwestern eine Zusatzausbildung ermöglicht und finanziert, die ihn nun als „Schwester Agnes“ unterstützt. Wenn der Doktor in Eile ist, muss „Agnes“ sich Zeit nehmen zum Erzählen. „Die meisten meiner Patienten sind ältere Leute, viele leben allein, gerade in den Dörfern. Der Blutdruck wird zur Nebensache. Die Menschen wollen reden, über die Familie, ob die Tomaten wachsen oder die Hühner Eier legen“, erzählt Ballouz. Manchmal wird extra Mittagessen für den Doktor gekocht oder Kuchen gebacken. Andere helfen ihm mit Ersatzteilen für seine geliebte Trabisammlung aus oder laden ihn zu Familienfeiern ein. Die Praxis, die Patienten sind Ballouz’ Familie. „Ich bin angekommen“, sagt er.

<p>Jasper Fabian Wenzel: „Deutschland draußen: Das Leben des Dr. Amin Ballouz, Landarzt“, dtv, 176 S., 14,90 Euro</p>

Jasper Fabian Wenzel: „Deutschland draußen: Das Leben des Dr. Amin Ballouz, Landarzt“, dtv, 176 S., 14,90 Euro

 

 

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