Niedergang : „Uns fehlte in der Stadt die Lobby“

Einst der wichtigste Arbeitgeber in der Stadt: Blick auf das Halbleiterwerk zu DDR-Zeiten
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Einst der wichtigste Arbeitgeber in der Stadt: Blick auf das Halbleiterwerk zu DDR-Zeiten

Wirtschaftsexperten erinnern sich an das bittere Aus für das Frankfurter Halbleiterwerk vor rund 25 Jahren

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06. Januar 2018, 05:00 Uhr

Das Frankfurter Halbleiterwerk ist seit einem Vierteljahrhundert Geschichte. Sein schneller Niedergang nach der Wende bewegt bis heute viele Menschen. Angesichts aktueller Pläne für Werksschließungen bei Siemens fragte nun eine Gesprächsrunde nach dem Rezept für den Erhalt von Standorten.

Mehr als 8000 Beschäftigte, größter Produzent für Mikroelektronik in der DDR, wichtigster Arbeitgeber in Frankfurt (Oder). Der VEB Halbleiterwerk war ein Betrieb der Superlative; leider war auch die Art und Weise seines Niedergangs nach der Wende besonders. Besonders bitter.

Zwei Ereignisse kratzen nun bei damaligen Beteiligten an alten Wunden. So ist kürzlich die lesenswerte Autobiografie von Karl Nendel erschienen, dem in Müncheberg lebenden langjährigen Chef-Strategen der DDR in Sachen Mikroelektronik. Außerdem erinnern Schließungspläne von Siemens für das Werk in Görlitz mit fast 1000 Mitarbeitern an die Situation in Frankfurt Anfang der 1990er-Jahre.

Stoff genug für eine emotionale Diskussion anlässlich der Vorstellung des Nendel-Buchs in Frankfurt. Auf Einladung des Biografie-Unternehmens Rohnstock waren auch Brandenburgs Wirtschaftsstaatssekretär Hendrik Fischer sowie Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke mit dabei, einst selbst Entwicklungsingenieur im Halbleiterwerk. „Was wir dort geleistet haben, konnte sich sehen lassen“, betonte Wilke. Warum wurden dann nicht zumindest größere Teile des Werks gerettet? Hendrik Fischer, bereits in der Nachwendezeit in der Landesverwaltung tätig, sagte: „Es wurde viel versucht, und ja, es wurden auch Fehler gemacht.“

Einig war sich die Runde, dass das Wegbrechen der Märkte in Osteuropa mit Einführung der D-Mark nicht als Erklärung für das Scheitern ausreicht. In den Augen von Klaus Schumann, einstiger Entwicklungschef im Werk, sorgte eine Entscheidung vor der Wende für einen Nachteil beim Start in die Marktwirtschaft. So verlegte man die Produktion damals moderner Schaltkreise von Frankfurt nach Erfurt. „Damit wurde eine Zukunftschance vergeben“, ist Schumann überzeugt. Dennoch sei viel Knowhow vorhanden gewesen, war man sich in der Diskussion einig. Kein gutes Haar ließ die Runde am Agieren der Stadt in der Nachwendezeit. „So ein Werk braucht eine Lobby, und die hatte das Halbleiterwerk nicht“, bedauerte Klaus Schumann. „Da war keine echte Verbindung, kein Herzblut.“ Redner warfen dem ersten Oberbürgermeister nach der Wende vor, kaum für den Betrieb gekämpft zu haben, sich in Interviews ohne Not für dessen Zerschlagung ausgesprochen zu haben. „Wenn eine Werksschließung droht, muss man ohne Wenn und Aber zusammenstehen“, betonte Klaus Schumann. Die Runde verwies darauf, wie Görlitz derzeit zusammenrücke und damit offensichtlich die Siemens-Führung beeindrucke. Konzernchef Joe Kaeser zeigte sich kurz vor Weihnachten nach einem Besuch von Stadt und Werk nachdenklich und mit Blick auf die Schließungspläne gesprächsbereit.

Schon kurz nach der Wende hätten zudem Eisenhüttenstadt und das dortige EKO vorgemacht, wie man Protest organisiert und wie man mit einem eigenen Konzept für die Zukunft in die Offensive geht, unterstrich Schumann. Solche Pläne habe das Management des Halbleiterwerks nicht gehabt. Man sei schlecht vorbereitet in Gespräche mit Investoren gegangen. Schu-mann ist überzeugt: „Von den 8000 Arbeitsplätzen hätten 1000 gerettet werden können, wenn man es richtig angestellt hätte.“ Aber auch die Belegschaft habe seinerzeit ihren Teil dazu beigetragen, dass es nicht weiterging. In dem sie sich dafür aussprach, Finanzhilfen vom Land in die Gehälter zu stecken und nicht in das Werk zu investieren. Zudem müsse man neidvoll anerkennen, dass sich Mikroelektronik-Standorte in Sachsen hielten, weil sie zum Beispiel eine Technische Universität in der Nähe haben. „Und Sachsen hatte den in der Marktwirtschaft erfahrenen und bestens vernetzten Kurt Biedenkopf als Regierungschef, wir hatten den Pfarrer Manfred Stolpe“, ergänzte Schumann.

Lichtblick ist für ihn genauso wie für Martin Wilke und Hendrik Fischer, dass Frankfurt (Oder) als Wirtschaftsstandort wieder zulege. „Es ist weiterhin Knowhow vorhanden. Wir haben mit der Mikroelektronik nach wie vor eine Zukunftschance“, sagte der Rathauschef.

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