Fürstenberg : Tüftel-Bahnhof für Netz-Kinder

Im „Versteh-Bahnhof“ Caylen erklärt Daniel Domscheit-Berg ein neues Projekt. Im alten Bahnhofsgebäude bietet er Schülern und ganzen Klassen die Möglichkeiten zum Experimentieren und Projekte zum Löten, Programmieren und dem Bau von Robotern.
Im „Versteh-Bahnhof“ Caylen erklärt Daniel Domscheit-Berg ein neues Projekt. Im alten Bahnhofsgebäude bietet er Schülern und ganzen Klassen die Möglichkeiten zum Experimentieren und Projekte zum Löten, Programmieren und dem Bau von Robotern.

Das Städtchen an der Havel beherbergt einen preisgekrönten „Versteh-Bahnhof“.

svz.de von
11. Juli 2018, 05:00 Uhr

Kabelsalat und Bildschirme, kistenweise Technik, an der Wand ein Klavier, an der Decke eine Diskokugel: Caylen wirbelt durch den Raum, rastlos wandern seine Blicke umher. Der Zehnjährige mit den raspelkurzen Haaren will sofort loslegen.„Ich interessiere mich sehr für Technik“, sagt er. „In der Schule haben wir Computerunterricht, aber dort lernen wir nur den Umgang mit Schreibprogrammen.“ Hier ist alles anders. Hier kann sich der Grundschüler ausprobieren. Er kann Roboter bauen und Musikinstrumente programmieren, Drohnen fliegen lassen und Schaltpläne entwerfen.

Der Ort wirkt wie ein Paradies für Technik-Fans, für Computer-Nerds und kleine Daniel Düsentriebs. Einmal in der Woche kommen Caylen und seine Freunde in das alte Bahnhofsgebäude von Fürstenberg an der Havel. Sie freuen sich auf neue Herausforderungen, auf gemeinsames Experimentieren und auf den Mann, der das alles möglich macht. Daniel Domscheit-Berg hat den „Versteh-Bahnhof“ mit seiner Frau Anke gegründet - und betreibt ihn mit großem Engagement.

Dafür gab es an diesem Mittwoch den mit 5000 Euro dotierten Preis „Region Zukunft“ der Handelskammer Potsdam. „Mit dem Preis können wir unser 3D-Drucklabor ausbauen“, berichtet Daniel Domscheit-Berg.

Die Domscheit-Bergs sind keine Unbekannten: Daniel wurde als Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks berühmt. Gemeinsam mit Julian Assange kämpfte der 40-jährige Informatiker für mehr Transparenz im Internet und die Offenlegung geheimer Dokumente. Doch 2010 kam es zum Bruch, Domscheit-Berg kritisierte den Führungsstil von Assange als autoritär und verließ Wikileaks. Seine Frau Anke war bis 2014 Chefin der Brandenburger Piratenpartei. Mittlerweile sitzt die gebürtige Havelländerin für die Linke im Bundestag.

Nach den Aufregungen um Wikileaks zog es die Domscheit-Bergs 2011 raus aus Berlin, wo sie bis dahin gewohnt hatten. Im beschaulichen Fürstenberg an der Havel fanden sie ein Haus, das sie selbst renovierten. Die Bude voller Kinder hatten sie zum ersten Mal, als Daniel Domscheit-Berg ein großes Turniertrampolin im Garten aufstellte. „Ich habe selber zwei Sommer meiner Kindheit auf solch einem Trampolin verbracht“, erinnert er sich und lacht.

Die Kinder wurden immer neugieriger. „Irgendwann wollten die wissen, warum ich eigentlich so viel zu Hause bin und was ich so arbeite“, erzählt Domscheit-Berg. „Dann habe ich die einfach alle mal mit reingenommen und jeder hat einen Lötkolben in die Hand gekriegt.“ Die Kinder waren so begeistert, dass kurzerhand die örtliche Schule anfragte, ob Domscheit-Berg so etwas nicht als Arbeitsgruppe anbieten könne.

Er tat es - mit Erfolg. Mittlerweile werden sogar Busreisen aus Hamburg organisiert. Und das Technik-Labor ist schon lange in den alten Bahnhof von Fürstenberg umgezogen. Gerade feilt Domscheit-Berg an einem Konzept für Schüler, das den Besuch in seinem Versteh-Bahnhof mit einem Paddelurlaub auf der Seenplatte verbindet.„Hier ist alles da. Wir können hier mit einer ganzen Schulklasse Projekte machen. Löten, programmieren, Roboter bauen - alles ist möglich“ sagt Domscheit-Berg. „Wer sich interessiert und einen motivierten Lehrer hat, der kann vorbeikommen.“ Finanziert wird der Versteh-Bahnhof bislang vor allem privat. Anke Domscheit-Berg spendet alle Einkünfte, die sie neben ihrem Bundestagsmandat verdient, für technische Ausrüstung. Außerdem erhält der für den Bahnhof gegründete Verein „Havel-Lab“ Unterstützung von einer Demokratie-Stiftung aus Rheinsberg.

Auf einem Sofa lümmelt ein kleiner Junge mit schwarzen Haaren und hält eine Mini-Drohne in der Hand. Er lächelt und schaltet die Propeller ein. Das Gerät beginnt zu surren. Der Junge heißt Mohammad, kommt aus Syrien und wohnt erst seit wenigen Wochen in Fürstenberg.

Wie alt ist er? „Dreizehn“, sagt Mohammad auf Deutsch. Domscheit-Berg berichtet, dass viele Flüchtlinge in den Versteh-Bahnhof kommen, einige wohnten sogar dort. Neuankömmlinge wie Mohammad hätten allerdings Sprachprobleme. „Im Moment ist das noch schwer zu managen“, erzählt er.

Daniel Domscheit-Berg sagt von sich selbst, dass er ein Aktivist im wahrsten Sinne des Wortes sei. „Ich gucke nicht so gern zu und beschwere mich dann, sondern ich gestalte selbst mit.“ In Brandenburg gebe es einen Notstand an Schulen im Hinblick auf technische Bildung. Das müsse sich dringend ändern. „Je mehr Menschen wir begeistern können, in Zukunft etwas mit Computern zu machen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die hierbleiben können und nicht wegziehen müssen“, sagt er und blickt auf die Schüler, die kichernd um seine Beine toben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen