Erzählte Geschichte : Traumatische Erinnerungen an DDR-Jugendwerkhof

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Eine Berlinerin berichtet 30 Jahre nach dem Mauerfall erstmals über ihre düstere Zeit in einem Jugendwerkhof. Es ist auch eine Geschichte über Stärke und Mut

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20. Mai 2019, 12:00 Uhr

Flamenco-Tanz, Yoga, Bodybuilding – solange, bis der Kopf leer und der Körper erschöpft ist. Auch damit hat sich die Berlinerin Ines Thaller nach dem Mauerfall in ein neues Leben gekämpft. „Exzessiver Sport hat mir geholfen, mich zu spüren.“

Fast zwei Jahre ihres Lebens hat sie in einem DDR-Jugendwerkhof zubringen müssen. Es waren berüchtigte Einrichtungen, in denen „schwer erziehbare“, aufmüpfige Kinder und Jugendliche zu sozialistischen Persönlichkeiten werden sollten – durch Härte, Abwertung, Arbeit ohne Schule. Schon zuvor war die unangepasste Jugendliche mit 15 Jahren in ein sogenanntes Jugendwohnheim gesteckt worden.

Ines Thaller, Betroffene von SED-Unrecht  Fotos: dpa/Monika Skolimowska
Ines Thaller, Betroffene von SED-Unrecht Fotos: dpa/Monika Skolimowska
 

Erst jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, hat sich die studierte Gymnastiklehrerin und Bewegungspädagogin entschieden, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen, und dabei auch ihren Namen nicht wegzulassen. „Das Bedrückende wird weniger“, sagt die Mutter zweier Söhne. Sie habe nun mehr das Gefühl, selbst über ihr Leben bestimmen zu können.

In der Berliner Beratungsstelle „Gegenwind“ in einem Altbau im Stadtteil Moabit sitzt Thaller mit Sozialpädagogin Bettina Kielhorn zusammen. Auch Therapiehündin Jette ist dabei. Thaller, in Jeans und Barfußschuhen, krault den schwarzen Riesenschnauzer. Das Tier bringe Ruhe und stabilisiere, sagt Kielhorn. Die beiden Frauen treffen sich hier jede Woche zu Gesprächen. Es gehe darum, die lange weggedrückte Vergangenheit zu verstehen und zu erkennen, dass man nicht selbst schuld gewesen sei.

Von eigener Mutter überwacht

„Frau Thaller hat eine unglaubliche Stärke“, sagt Therapeutin Kielhorn. „Und sie kann vergeben.“ Frau Thaller habe es geschafft, mit ihrer Mutter gemeinsam zu Gesprächen zu kommen – trotz des überaus schwierigen Verhältnisses. Aus erhalten gebliebenen DDR-Akten weiß die Tochter, dass ihr West-Freund einst an die Stasi verraten worden ist – und zwar von der Mutter, die als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) angeworben worden war.

Bettina Kielhorn, Sozialpädagogin von der Beratungsstelle „Gegenwind“ mit dem Therapiehund Jette
Bettina Kielhorn, Sozialpädagogin von der Beratungsstelle „Gegenwind“ mit dem Therapiehund Jette
 

Dennoch ist es ein differenzierter Blick, den Thaller sich erarbeitet hat: Sie sagt, es sei mutig von ihrer Mutter, mit ihr über die Vergangenheit zu sprechen – denn viele in der Elterngeneration schwiegen einfach. Kielhorn sagt, zwar sei die Mutter an der Heimeinweisung beteiligt gewesen, doch habe man ihr das Erziehungsrecht komplett abgesprochen. Nach der Maueröffnung habe sie ihre Tochter und Enkelkinder unterstützt und sich nun der Vergangenheit gestellt – sie habe nicht gewusst, wie die DDR-Heime funktioniert hätten.

„Gegenwind“ ist seit mehr als 20 Jahren bundesweit die einzige Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur. Das Anliegen sei, gesundheitliche und seelische Folgeschäden von Betroffenen zu lindern, sagt Kielhorn. Die 58-Jährige ist eine von drei Therapeuten.

2018 verbuchte die inzwischen staatlich finanzierte Einrichtung mehr als 1200 Einzelgespräche. Knapp 140 Betroffene kämen regelmäßig, manche in schweren Krisen bis zu dreimal in der Woche, berichtet Kielhorn. „Es wird nicht weniger.“ Fast drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer finde mancher erst im Rentenalter hierher, um sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, ebenso Kinder und Partner einst Verfolgter. Angeboten werden auch Familiengespräche.

„Das Reden hier bringt mir viel“, sagt Thaller mit nachdenklicher Miene. „Für meinen Selbstwert. Gegen das Gefühl, nicht zu genügen.“ Über Jahre habe sie eine unterschwelligen Aggression gespürt, sich mit Migränen herumgeplagt. „Ich habe wie auf einem Pulverfass gesessen.“

Traumatische Erinnerungen

Dass das mit ihren traumatischen Erlebnissen als Jugendliche zusammenhänge, habe sie nicht gewusst. Sie habe sich lange geschämt für ihre Geschichte. Thaller sagt, sie könne nicht so schnell Freundschaften schließen, und brauche lange, um Vertrauen zu fassen.

Auslöser für den Blick zurück war ein Erlebnis vor fünf Jahren, als eine Freundin sie überredete, eine Heimkinder-Entschädigung zu beantragen. „Bis dahin hatte ich alles schön weit hinten bei mir verpackt.“ Heute kann sie ihre düsteren, tief hoffnungslosen Jahre – „es war wie Knast“ – in stockende Worte fassen.

Nach „Durchgangsheimen“ landet die einst gute Schülerin damals im Jugendwerkhof in Brand-Erbisdorf im heutigen Sachsen. Nach einem Fluchtversuch muss sie in eine Isolierzelle. Sie muss tagsüber arbeiten und Leuchten für einen volkseigenen Betrieb zusammenschrauben – eine Schule gibt es für sie nicht. Manchmal habe sie lieber nichts gegessen als die Jagdwurst mit schon hochgerollten, grünen Rändern. Die Erzieher hätten einem das Gefühl gegeben, „dass du das Letzte bist“.

Sie sei nicht kriminell gewesen, habe nur ihr Ding machen wollen, sagt Thaller im Rückblick. Doch außergewöhnliche Haare, getönt mit blauer Tinte oder rosa Lebensmittelfarbe, schwarze Klamotten und eine Clique hatten bei Thaller schon gereicht, um als renitent und missliebig eingestuft zu werden. „Ich hab' mich in der Subkultur zu Hause gefühlt“, sagt die Berlinerin aus Prenzlauer Berg.

Aufarbeitung muss kommen

Wenn Thaller heute höre, es sei ja nicht alles schlecht gewesen, oder man habe nichts von den Werkhöfen gewusst, „da könnte ich die Wände hochgehen“. Sie warte nicht auf eine Entschuldigung. „Aber diese Aufarbeitung muss erst richtig kommen.“

In der DDR gab es nach Angaben der Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker, rund 75 Jugendwerkhöfe, 1989 seien es noch 31 mit knapp 3500 Plätzen gewesen. Der Jugendwerkhof „August Bebel“ in Burg (heute Sachsen-Anhalt) war demnach der größte der DDR, er hatte eine Reihe von Außenstellen.

In dem Buch „Ich nenne es Kindergefängnis“ beschreibt der Historiker Ralf Marten, wie wenig genügte, um in ein Spezialheim der DDR-Jugendhilfe eingewiesen zu werden. Etwa 135 000 Kinder und Jugendliche seien betroffen gewesen. Viele seien mit rigiden Strafen gebrochen worden.

Nun liegt ein Gesetzentwurf von Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) vor, wonach die Opfer politischer Willkür in der DDR besser unterstützt werden sollen. Das Bundeskabinett machte am Mittwoch den Weg für eine Neuregelung der Rehabilitation frei. Frühere Heimkinder sollen ihre Ansprüche einfacher durchsetzen können, auch neue Hilfsleistungen sind demnach geplant. In den Rehabilitierungsgesetzen für Opfer staatlicher Verfolgung sollen die Antragsfristen komplett gestrichen werden. Ansonsten würden diese nur noch in diesem Jahr möglich sein.

„Die juristische Aufarbeitung des SED-Unrechts und die Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgung sind noch immer nicht abgeschlossen“, sagte Barley.

Der Antrag von Thaller auf strafrechtliche Rehabilitierung wurde abgelehnt. Die 48-Jährige akzeptiert die Gerichtsentscheidung nicht. „Da bin ich jetzt stur.“

Ohne Mauerfall gebrochen

Als Ines Thaller im Sommer 1988 entlassen wird, weil sie 18 Jahre alt wird, wird ihr ein Arbeitsplatz zugewiesen, der wieder mit Lampen zu tun hat. Sie muss Teile verchromen, atmet giftige Dämpfe ein.

„Ohne den Mauerfall wäre ich verloren gewesen“, sagt Thaller. „Ich habe alles nachgeholt.“ Schulabschluss, Abitur, den Traum wahr gemacht, als Tänzerin zu arbeiten, erstes Kind bekommen, Ausbildung zur Gymnastiklehrerin, Bewegungspädagogin, zweites Kind, jetzt freie Arbeit in der Bewegungspädagogik.

Thaller liebt das Meer und findet dort Ruhe und Kraft. Mit ihrem großen Sohn hat sie gerade erst angefangen, über früher zu reden.

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