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Aus dem Gerichtssaal : Tödliche Attacke mit Kerzenständer

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Gutachter diagnostiziert beim Angeklagten hypochondrische Störung

svz.de von
erstellt am 31.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Im Prozess um die tödliche Attacke mit einem Kerzenständer muss der Angeklagte mit einer harten Strafe rechnen. Ein psychiatrischer Gutachter erklärte gestern vor dem Landgericht Frankfurt (Oder), dass René W. voll schuldfähig sei.

Ein als freundlich und hilfsbereit geschätzter, in 49 Lebensjahren nie gewalttätig gewordener Handwerker bringt nach einem harmlosen Streit seine Lebensgefährtin um – 13 Hiebe und Stiche mit einem Kerzenständer zählten die Gerichtsmediziner. Was ist in den Mann gefahren? Handelte er im Affekt, litt er also unter einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung? Oder war er seelisch schwer krank?

Um diese Frage dreht sich der Prozess zur Bluttat vom 22. November 2015 in Eberswalde (Barnim). Psychiater Jürgen Rimpel hat die Zeugenaussagen dazu vor Gericht verfolgt, viele Gespräche mit dem Angeklagten geführt, ärztliche Bulletins ausgewertet. Nun kam er in seinem Vortrag zu dem Schluss: „Die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit des Angeklagten war zum Tatzeitpunkt nicht vermindert.“

Gleichzeitig richtete der Gutachter Kritik an die Mediziner, bei denen René W. vor der Tat in Behandlung war – vom Hausarzt über diverse Kardiologen bis hin zu Psychiatern. Sie hätten ein durchaus vorhandenes Leiden nicht erkannt und den Angeklagten stattdessen mit ihren Behandlungen zusätzlich verunsichert. René W.s Problem sei nämlich, dass er unter Stress zum eingebildeten Kranken werde, kurz: dass er ein Hypochonder sei.

Rimpel beschreibt W. als Mensch, der gut funktioniert, wenn alles in geordneten Bahnen läuft. Ferner habe er mehr als 20 Jahre lang eine Frau gehabt, die mit seinen unter Stress deutlich werdenden Defiziten gut umgehen konnte, ihn dann beruhigte und kein kritisches Wort verlor.

Erst als sie sich Mitte 2014 von ihm trennte und er Bettina T. kennenlernte, verlor W., ohne es zu merken, den Anker. Denn die neue Freundin war anders: liebevoll und lebensfroh, aber auch fordernd und nicht bereit, sich René W.s Gejammer anzuhören. Dass er sich in der neuen Beziehung nicht wohlgefühlt habe, sei Ursache der fortschreitenden Verschlechterung seines Zustands ab September 2015 gewesen, sagte der Gutachter. Er glaubte, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden – erst ein Tumor im Kopf, dann Darmkrebs, schließlich war er fest davon überzeugt, sich mit tödlichen Krankenhauskeimen angesteckt zu haben. Rimpel konstatierte auch, dass sich der Angeklagte nicht helfen lassen wollte. Zwei Tage vor der Bluttat, als Zeugen ihn als „völlig durchgeknallt“ erlebten, verweigerte er den Gang in die Psychiatrie, wo es Hilfe für Hypochonder geben könne. Warum W. dann jene Tat beging, die er nun bitter bereut, wird wohl nicht zu klären sein.

Mathias Hausding

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