Hexenverfolgung : Todesurteil Zauberei

Initiator Sören-Ole Gemski trieb die Rehabilitierung der Opfer der Hexenverfolgung voran.
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Initiator Sören-Ole Gemski trieb die Rehabilitierung der Opfer der Hexenverfolgung voran.

Nachdem Bernau die Opfer des Hexenwahns rehabilitiert hat, sollen nun weitere Schritte zum Gedenken folgen.

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08. Mai 2017, 05:00 Uhr

Als erste Kommune in Brandenburg hat Bernau (Barnim) jene Menschen rehabilitiert, die einst dem Hexenwahn in der Stadt zum Opfer fielen. Jetzt planen die Initiatoren weitere Schritte, um die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Geschichte wachzuhalten.

Mit so viel Gegenwind hatte Sören-Ole Gemski nicht gerechnet. „Ich bin relativ arglos an die Sache rangegangen“, räumt der Bernauer Linke-Abgeordnete ein. Ende vergangenen Jahres hatte er den Stadtverordneten den ungewöhnlichen Vorschlag gemacht, man möge doch alle Opfer der Hexenverfolgung in Bernau rehabilitieren. Tatsächlich ist die Liste derer lang, die dort einst wegen angeblicher Zauberei gefoltert, verurteilt und mitunter bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Gemski verweist auf Tobias Seilers Stadtchronik von 1736. Die Namen von 25 Frauen und drei Männern finden sich darin.

Für seinen Vorstoß musste sich Gemski deftige Kommentare („Was soll der Quatsch?“ – „Haben wir keine anderen Sorgen?“) anhören und einiges Gelächter einstecken. Doch am Ende fand die Idee genügend Anhänger. Inzwischen ist Bernau die erste Stadt im Land Brandenburg, die sich in die bundesweite Bewegung zur moralischen Rehabilitierung der Opfer der Hexenverfolgung eingereiht hat.

Bereits seit einiger Zeit sind in der Kleinstadt Heimatforscher und Schüler der Geschichte der Hexenprozesse auf der Spur. Vor zwölf Jahren entstand neben dem Henkerhaus an der Stadtmauer ein von der Wandlitzer Künstlerin Annelie Grund aus Stahl und Glas gestaltetes Denkmal zum Gedenken an die 28 bekannten Opfer. Vor zwei Jahren setzten dann bei der Linke-Fraktion nach einer Anfrage aus der Bevölkerung Überlegungen ein, wie man die Verfolgten rehabilitieren könnte. Gemski nahm sich des Themas an und suchte Kontakt zu jenen Bernauern, die sich schon so lange mit dem Thema beschäftigen. Gemeinsam mit der Künstlerin Grund, Historikern und Kirchenvertretern gründete er eine Arbeitsgruppe, die zunächst eine Ausstellung im Rathaus und eine Podiumsdiskussion auf die Beine stellte.

Dass zum Kreis derer, die sich für die Rehabilitierung starkmachten, auch Mitglieder der Evangelischen Kirche gehören, mag verwundern. Glauben doch viele, dass Hexenwahn und -verfolgung ein Kapitel der Geschichte des finsteren Mittelalters und Teil der katholischen Inquisition ist. Tatsächlich aber fanden Hexenprozesse erst in der frühen Neuzeit statt und wurden ausschließlich vor weltlichen Gerichten geführt – und zwar in protestantischen wie in katholischen Gegenden.

Die Bernauer Opfer waren allesamt Lutheraner. Martin Luther war fest davon überzeugt, dass es Hexen gibt und dass sie durch ihre Zauberei Schäden an Mensch, Vieh und Ernte anrichten. Immer wieder forderte er ihre Tötung. „Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden.“

Als Ulrike Trautwein, Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), vor einigen Wochen in einem Gottesdienst in Bernaus Marienkirche an das Unrecht gegen die Hexen erinnerte und die Opfer symbolisch wieder in die christliche Gemeinschaft zurückholte, sprach sie von einem Akt der Buße. „Wir erinnern an die Schuld, die unsere Vorfahren im Namen unseres christlichen Glaubens auf sich geladen haben.“

Von Seiten der EKBO gibt es inzwischen die Idee, Bernau zu einem ständigen Erinnerungsort für die Hexenverfolgung zu machen, die bis zu 60 000 Menschen in ganz Europa das Leben kostete. Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur, kann sich gut vorstellen, dass künftig regelmäßig Veranstaltungen zum Thema stattfinden. „In einer Zeit, wo bestimmte Menschengruppen immer noch mit Vorurteilen belegt, ausgegrenzt und verfolgt werden, ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen – gegen Vorverurteilungen“, sagt sie.

Für Sören-Ole Gemski passt die Rehabilitierung auch in das Lutherjahr. Ihren ersten Höhepunkt habe die Verfolgungswelle in Bernau 1617 erreicht – also vor genau 400 Jahren, berichtet er. Vier Frauen wurden damals als Hexen verfolgt, zu Tode gequält oder hingerichtet. Schon im Jahr darauf wurden auch der Bäcker Gürgen Crone und Emerentia Flöricke verhaftet. Dem jungen Paar wurde vorgeworfen, Brot und Semmeln „vom schönsten Geschmacke“ herzustellen, was nur mit dem Teufel zugehen könne. Crone starb am 24. April 1618 im Folterkeller, seine Leiche wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die schwangere Emeretia durfte noch ihr Kind austragen. Dann wurde auch sie gefoltert und am 31. Juli als Hexe bei lebendigem Leib verbrannt.

In der Seiler-Chronik finden sich zahlreiche Protokolle der Bernauer Prozesse. Gemski vermutet, dass weitere Gerichtsakten aus jener Zeit noch in verschiedenen Archiven schlummern. Man wolle weiter nach den bislang unentdeckten Dokumenten suchen, sagt er. Zudem will die Arbeitsgruppe eine Broschüre zum Thema erarbeiten. Und noch eine Sache schwebt Gemski vor. Er wünscht sich, dass das jährlich stattfindende Hussitenfest, bei dem regelmäßig auch die Verbrennung angeblicher Hexen unter dem Gelächter mancher Besucher nachgespielt wird, einen respektvolleren Umgang mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte findet. 

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