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Fundus in Frankfurt : Theaterkostüme für jedermann

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Das frühere Frankfurter Kleist-Theater steht seit 17 Jahren leer – Der große Kostümfundus überlebte dank eines früheren Mitarbeiters

svz.de von
erstellt am 16.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Gerd Jonscher sitzt auf gepackten Koffern. Der Geschäftsführer der Frankfurter Backstage GmbH zieht mit seiner auf den Bau von Bühnenbildern für Theater- und Musical-Aufführungen spezialisierten Firma in ein Gewerbegebiet nach Fürstenwalde (Oder-Spree) um. Tischlerei, Schlosserei, Näherei und Malwerkstatt wechseln von den maroden Bauten des früheren Kleist-Theaters in größere, moderne Hallen. Was Jonscher nicht mitnehmen will, ist der Kostümfundus der vor 17 Jahren geschlossenen Frankfurter Bühne. Denn der gehöre gewissermaßen als Erbe in die Oderstadt, findet er.

Nach dem Aus von Spielstätte und Ensemble hatte der damalige Werkstattleiter des Kleist-Theaters Tausende Kleidungsstücke, Hüte, Schuhe und Taschen, die auf dem Müll landen sollten, gerettet. „Die Stadtverwaltung wollte den Fundus nicht haben. Wir machten die Kostüme, die früher Künstlern vorbehalten waren, öffentlich zugänglich. Jeder kann sie ausleihen“, erinnert sich Jonscher, der sich mit der Backstage GmbH auf dem nicht mehr benötigten Theatergelände selbstständig machte.

Karnevalisten, kleine Theaterbühnen in Ostbrandenburg, die jährliche Oper Oder-Spree, Vereine, die zu Ortsjubiläen historische Festumzüge veranstalten, gehören zu den treuen Kunden des einzigartigen Verleihs. Er bietet römische Gewänder ebenso an wie Mittelalter-Garderobe oder Outfits aus den legendären 1970ern.

Um die einstigen Bühnen-Kostüme kümmert sich Inge Kirch, ehemalige Ankleiderin des Theaters. Sie kennt sich aus zwischen Reifröcken, Uniformen, kann Kunden gezielt beraten. „Hier hängen keine fertigen Outfits, sondern die lassen sich zusammenstellen nach Geschmack, Körpergröße und gewünschter Epoche“, erzählt die 65-Jährige, die die Kleider nicht nur verleiht, sondern auch ausbessert und pflegt.

Für das Ausleihen wird eine Gebühr fällig. Wichtigste Bedingung: Der Kunde sollte das Ausgeliehene gereinigt zurück bringen. „So eine Bandbreite finden sie im normalen Kostümverleih nicht, die Vielfalt entstand durch die Theaterarbeit“, betont sie und führt durch mehrere Räume mit langen Kleiderstangen und Gewändern verschiedenster Farben, Stoffe und Stile.

Gefragt sei bei den Kunden alles, da gebe es keine bevorzugten Kostüme, sagt Kirch und zieht gezielt mondäne Morgenmäntel und lustig anmutende Nachtwäsche aus der Fülle des für Laien unüberschaubaren Angebots. Sie selbst habe kein Lieblings-Outfit, dazu sei die Auswahl zu groß, bekennt die frühere Garderobiere, die selbst noch nie etwas aus dem Fundus anprobiert hat. Das einzige was der Verleih nicht zu bieten habe, seien Perücken, sagt die gelernte Möbelfacharbeiterin. „Theater-Perücken sind kompliziert und anfällig. Die werden nicht einfach aufgesetzt, sondern gesteckt“, schildert sie.

Die Auswahl an Verkleidungsmöglichkeiten sei überwältigend, sagt der Frankfurter Matthias Grundemann, der gerade die Gewänder und Helme zweier römischer Soldaten zurückbringt. „Wenn wir in der evangelischen Freikirche Theater spielen, werden wir hier immer fündig“, lobt er und hofft, dass der Verleih erhalten bleibt.

Backstage-Chef Jonscher hofft, dass die Stadt nicht den gleichen Fehler nochmals macht und das letzte Erbe des Kleist-Theaters im Laufe des Jahres übernimmt. Er ist mit der Messe- und Veranstaltungs-GmbH in Gesprächen, die für die Stadtverwaltung das 2001 eröffnete kommunale Kulturzentrum Kleist-Forum bewirtschaftet. Sie ist auch für die Ausrichtung des Weihnachtsmarktes verantwortlich, auf dem sich traditionell Märchenfiguren tummelten – ausgestattet aus dem Theater-Kostümverleih.

„Die haben auf alle Fälle bessere Räumlichkeiten, und der Verleih wäre zentral in der Innenstadt gelegen“, sagt Jonscher mit Blick auf die maroden Ziegelbauten. Seit 2002 ist der in den 1920er Jahren errichtete und inzwischen heruntergekommene Gebäudekomplex Baudenkmal. „Der Denkmalschutz erleichtert die Suche nach einem Investor nicht gerade“, sagt Stadtsprecher Martin Lebrenz. Die klamme Kommune möchte den nicht mehr gebrauchten Theaterbau gern los werden - seit 17 Jahren allerdings vergeblich.

 

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