Brandenburg : Suizid-Risiko steigt im Alter

Anteil der über 65-Jährigen unter Selbstmordopfern steigt / Ärztemangel und Demografie verschärfen Probleme

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17. September 2015, 10:10 Uhr

Einsamkeit, Angst vor Demenz und Schmerzen – der Anteil der Senioren unter den Suizidopfern nimmt zu. Von 318 Menschen, die sich im Land Brandenburg im Jahr 2013 das Leben nahmen, waren 117 älter als 65.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz schlägt daher Alarm: Unter den jährlich rund 10 000 Menschen, die sich in Deutschland das Leben nehmen, sind 45 Prozent im Seniorenalter, und deren Anteil steigt auch in Brandenburg weiter. Von der Notwendigkeit einer Suizidprophylaxe spricht deshalb Stiftungsvorstand Eugen Brysch. 10 000 Suizidopfer pro Jahr „sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, Mord, Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen.“

Die aktuellsten Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg von 2013 machen den Trend deutlich: Von den 318 Suizidopfern waren lediglich 24 unter 30 Jahre alt, vier sogar unter 20, aber 117 waren 65 Jahre und älter.

Ingo Hansen, Brandenburgs Landesvorsitzender der Senioren-Union, kennt die Gründe, die Ältere bewegen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. „Angst vor Einsamkeit oder Demenz spielen eine ganz große Rolle.“ Auch Schmerzen, die man habe oder haben könnte, treiben viele Ältere in die Ausweglosigkeit.

Hansen sucht Alternativen aus der scheinbaren Sackgasse und schaut neidisch nach Israel, wo Cannabis in Altenheimen legal konsumiert werden darf. „Ein Großteil der Senioren-Union kann sich mit dem Gedanken nicht anfreunden“, bedauert er. Auch Sterbehilfe werde immer wieder thematisiert.

Dass man angesichts der demografischen Entwicklung im Land viel eher als bei der Sterbehilfe ansetzen muss, um vorbereitet zu sein, weiß auch Hansen. In den nächsten fünf Jahren wird nach Prognosen jeder Vierte und ab 2030 jeder Dritte im Land älter als 65 Jahre sein. Heute machen die mehr als 562 000 Senioren 22 Prozent der Bevölkerung aus, die Tendenz ist stark steigend.

Ein Weg gegen Isolation im Alter ist die von Hansen in Birkenwerder (Oberhavel) gegründete Seniorengenossenschaft, die auf ehrenamtlicher Hilfe basiert. „Wir sind bei den Menschen vor Ort, lesen vor, helfen im Haushalt – und wir wollen das Modell in ganz Brandenburg etablieren“, erklärt der Landesvorsitzende.

Zunehmend kommt es auch auf die medizinische Versorgung an. Professor Martin Teising, Präsident der International Psychoanalytic University in Berlin und Mitglied der „Arbeitsgruppe Alte Menschen“ verweist auf eine Untersuchung, laut der ein hoher Anteil suizidgefährdeter Menschen wenige Tage vor der Tat den Hausarzt aufgesucht habe. Dieser müsse in der Lage sein, Suizidalität bei alten Menschen zu erkennen, um zu helfen. Denn: Selbstmörderische Gedanken sprechen Betroffene in der Praxis nicht an.

„In Brandenburg haben wir aber zu wenige Ärzte für Schmerztherapie, zu wenige Neurologen und Psychiater“, kritisiert Hansen. Wartezeiten von mehr als einem Jahr für den Termin beim Neurologen sind keine Seltenheit.

Das Sozialministerium in Potsdam will Ältere nicht erst in Depression verfallen lassen. „Ein Drittel der über 60-Jährigen engagiert sich ehrenamtlich“, heißt es aus dem Ministerium. Die Generation 60plus würde auf sie zugeschnittene Bildungsangebote wahrnehmen, in Sport- und Kulturvereinen oder als Lesepaten in Kitas und Schulen tätig sein.  

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