Rollator-Training in Kleinmachnow : Sturzgefahr beim Ausstieg

Jörg Klingbeil vom Verkehrsbetrieb Potsdam-Mittelmark erläutert der Seniorin Ruth Probst, wie sie richtig in den Bus einsteigt.
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Jörg Klingbeil vom Verkehrsbetrieb Potsdam-Mittelmark erläutert der Seniorin Ruth Probst, wie sie richtig in den Bus einsteigt.

Senioren üben in Kleinmachnow den sicheren Umgang mit ihrem Rollator. Vor allem in Bussen gibt es Probleme

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10. Juni 2016, 05:00 Uhr

Senioren werden nicht nur auf Gehwegen und in Häusern mit Hindernissen konfrontiert, auch eine Busfahrt birgt Gefahren. Die Verkehrswacht hat daher ein Rollator-Training in Kleinmachnow (Potsdam- Mittelmark) veranstaltet. Den kleinen Parcours bewältigen die betagten Männer und Frauen auch in der sengenden Sonne fehlerfrei. Ein paar Holzbalken müssen mit dem Rollator überwunden werden, ebenso eine auf dem Parkplatz liegende Matratze. Dann folgen ein kleiner Slalom und eine scharfe Kurve.

Am Ende des Trainings geht es in den Bus. Bei manchen Senioren kommen hierbei ungute Erinnerungen hoch. Christa Schippnick fasst sich an die Schulter. „Die Schmerzen habe ich lange gespürt“, sagt die Kleinmachnowerin. Sie war 2015 im Bus gestürzt, nachdem dieser anfuhr, obwohl sie noch nicht saß. „Der Fahrer musste eine Verspätung aufholen“, meint sie. Als Konsequenz aus diesem Erlebnis fährt sie nur noch mit dem Taxi zu Terminen im Ort.

Auch Marlies Stürmer glaubt nicht, dass die Übung – den Rollator über eine Rampe vorwärts in den Bus bugsieren und rückwärts wieder hinaus – in der Praxis hilfreich ist. „Das ist von der Wirklichkeit weit entfernt“, sagt die Seniorin, der Ärzte bereits eine neue Hüfte sowie ein neues Kniegelenk einsetzten. „Man muss sich selbst helfen, den Rollator mal anheben, um Lücken zu überwinden“, so die gebürtige Hannoveranerin. Kleine Lücken entstehen meist auch zwischen Bus und dem Bordstein der Haltestelle – Rampen werden oft nur für Rollstuhlfahrer ausgeklappt.

„Wir sind schon fast überall mit behindertengerechten Niederflurbussen unterwegs“, sagt Jörg Klingbeil, Fahrdienstleiter der Beelitzer Verkehrs- und Servicegesellschaft. 92 von 105 Fahrzeugen seien mit der Neigetechnik ausgestattet. Dennoch bleibt beim Absenken immer wieder ein Spalt. Dort könnten sich die Vorderräder der Rollatoren verhaken, was zu Stürzen führe. Mit seinem Kollegen Lutz Müller gibt er den Kursteilnehmern auf dem Hof der Seniorenresidenz SenVital in Kleinmachnow Hilfestellungen. „Die sichere Variante ist, rückwärts mit dem Rollator auszusteigen. Aber viele haben Angst davor“, sagt er. Diese Bedenken wolle man nehmen.

Hinzu kommt ein gravierendes Problem: Maximal zwei Rollstühle, Rollatoren oder Kinderwagen können in der Mitte der Busse abgestellt werden – mehr ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Dies führt dazu, dass behinderte Fahrgäste mitunter abgewiesen werden, wenn der Bus voll ist.

„Wir können nicht riskieren, dass etwas passiert“, betont Klingbeil. Alternativen durch neue Fahrzeugmodelle sind nicht in Sicht. Klingbeil verdeutlicht, dass die Zahl der Sitzplätze im Linienverkehr rund um Berlin nicht eingeschränkt werden könne, um mehr Rollatoren oder Rollstühle zu transportieren. „Wenn Schüler stehen müssten, würden Eltern auf die Barrikaden gehen.“ Er empfiehlt Senioren, einen Platz über die Hotline zu bestellen.

Gerhard Kleinke von der Verkehrswacht Potsdam-Mittelmark zeigt sich dagegen zufrieden. Mehrere Gruppen Heimbewohner sind gekommen, auch Rentner von außerhalb. „Die Kurse werden leider wenig nachgefragt, obwohl der Bedarf in Brandenburg riesig sein müsste“, meint der 77-jährige Ehrenamtler. Immer wieder hört Kleinke von anderen Verkehrsgesellschaften, dass sie aus Kostengründen keinen Bus bereitstellen können. Auch große Wohlfahrtsverbände lehnen das Training ab. „Kein Geld, heißt es immer wieder“, sagt er.

Sponsoren sind rar, ebenso gibt es keine Fördermittel. Die Busschule für Ältere in Kleinmachnow bildet eine Ausnahme: Den Übungsparcours hat Kleinke zum vierten Mal im Ort aufgebaut. Der Verkehrsexperte hat erfahren, dass sich viele Senioren mit einem Rollator kaum auf die Straße trauen – aus Unsicherheit. „Wir zeigen, wie man richtig über die Straße geht, den Verkehr im Blick behält und auf bestimmte Situationen vorbereitet ist“, erzählt der Verkehrswacht-Mitarbeiter. „Das ist nicht nur ein Thema für die Jüngsten, sondern auch für die Ältesten. Wir sollten uns mehr der demografischen Entwicklung anpassen.“

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