Kulturförderung : Stiftungen leiden unter Zinspolitik

Kunstwerk von Anthony Goicolea. Die Förderung von Kunst, Bildung und sozialen Projekten im Land wird immer schwieriger.

Kunstwerk von Anthony Goicolea. Die Förderung von Kunst, Bildung und sozialen Projekten im Land wird immer schwieriger.

Erträge schmelzen immer weiter ab -Neue Wege werden gesucht

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15. August 2016, 05:00 Uhr

Immer mehr Brandenburger widmen sich der Förderung von Kunst, Bildung und sozialen Projekten – sie gründen eine Stiftung. Doch mittlerweile können sie kaum noch Zinserträge mit dem Grundvermögen erzielen. Dadurch wird an den Projekten gespart.

Es ist ein dringender Aufruf, den Ute Tenkhof an die Öffentlichkeit sendet. Mehr denn je ist die Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Hilfe für Familien in Not“ auf Spenden angewiesen. „Der Bedarf an finanzieller Unterstützung ist riesig“, sagt Tenkhof. Dabei hilft die Stiftung, die auf eine Initiative der früheren Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) zurückgeht, im Fall einer schweren Krankheit oder dramatischen familiären Krisen den Betroffenen mit zumeist mehreren hundert Euro.

Um die Unterstützung zu leisten, wurde die Stiftung in den 90-er Jahren mit 4,6 Millionen Euro ausgestattet. Das Vermögen wurde auf dem Kapitalmarkt ohne Risiken angelegt. Während die Zinsen viele Jahre sprudelten und dadurch sowohl die administrativen Aufgaben als auch die konkreten Hilfen finanziert werden konnten, ist diese Quelle heute nahezu komplett versiegt. Grund ist die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. „Wir stürzen nicht ab, es fehlt aber an vielen Enden“, sagt sie. Sinken die Erträge weiter, sei die Geschäftsstelle bedroht.

Eine ähnliche Entwicklung beschreibt Frank Balzer, Vize-Vorsitzender der Bürgerstiftung Eisenhüttenstadt, die im Jahr 2003 von EKO Stahl ins Leben gerufen und mit zwei Millionen Euro ausgestattet wurde. „Wir müssen äußerst sparsam agieren und nach dem akuten Bedarf schauen“, sagt er. Während in den „guten Jahren“ jährlich 80 bis 100 Vorhaben in der Kinder- und Jugendarbeit sowie im den Bereichen Soziales und Sport gefördert werden konnten, waren es zuletzt nur noch 40 bis 50. Balzer hofft daher, dass die Finanzwirtschaft für rechtsfähige Stiftungen andere Modelle anbietet. „Sonst sind die meisten zum Untergang verdammt, da sie das Gründungskapital nicht antasten dürfen.“

„Es ist eine Notlage eingetreten“, sagt Susanne Krause-Hinrichs, Vorsitzende der Friedrich Christian Flick Stiftung aus Potsdam, die Projekte gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz unterstützt. Sie erhält zunehmend Anfragen von anderen Stiftungen, die selbst um finanzielle Hilfen bitten. „Das Grundprinzip funktioniert nicht mehr“, meint Krause-Hinrichs. Auch für Förderprogramme müssten Stiftungen einen Eigenanteil aufbringen. „Das können viele nicht mehr.“ Sie selbst befindet sich in der glücklichen Lage, dass der Stiftungsgründer jährlich hohe Spenden zuschießt.

Andere Einrichtungen bündeln die Kräfte. „Wir beteiligen uns jetzt an einer breit gestreuten Anlage des Stifterverbandes“, sagt Daria Mudzo-Wieloch von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung, die 2008 von beiden Staaten mit 50 Millionen Euro ausgestattet wurde und danach weitere Gelder aus Polen erhalten hat. Dadurch hielten sich die Einbußen in Grenzen. Die Zahl der Projekte habe sich nicht gravierend verringert, sagt sie. Aber es existiert jetzt eine Obergrenze.

Im Innenministerium, das für die rund 240 Stiftungen im Land zuständig ist, sind nur vereinzelt Anfragen zur Auflösung oder Zusammenlegung kleinerer Stiftungen eingegangen. „Das ist erst dann möglich, wenn der Stiftungszweck dauerhaft nicht mehr erfüllt werden kann“, erklärt Sprecherin Susann Fischer. Nicht alle Stiftungen setzen nach ihrer Kenntnis auf Kapitalerträge, sondern auch auf Immobilien und Grundstücke, was zu stabilen Einnahmen führt. Vielfach könnten die Rückgänge auch mit Spenden kompensiert werden.  

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