Über das Kolleg zum Studium : Späte Abiturienten

Mariam Raufi aus Fürstenwalde vor dem Haupteingang der Schule.
Mariam Raufi aus Fürstenwalde vor dem Haupteingang der Schule.

Drei Jahre dauert der Weg zur Hochschulreife an einem Kolleg / Die Schüler sind Erwachsene

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05. März 2018, 05:00 Uhr

An einem Kolleg können Erwachsene tagsüber ihr Abitur nachholen. Im Gegensatz zu Abendgymnasien ist diese Schulform des Zweiten Bildungsweges recht wenig bekannt; die Schülerzahlen sind zuletzt rapide zurückgegangen.

Eigentlich wollte Mariam Raufi Erzieherin werden und begann eine Ausbildung. Doch statt Kleinkinder zu betreuen sitzt die 20-Jährige aus Fürstenwalde (Oder-Spree) jetzt in einem Klassenzimmer und beschäftigt sich mit philosophischen Texten der Liberalismus-Denker John Locke und John Stuart Mill. Politikwissenschaft-Unterricht steht auf dem Stundenplan, aber nicht an einer Berufsschule, sondern am Treptow-Kolleg in der Kiefholzstraße in Berlin. Läuft alles nach Plan, hält Mariam Raufi im Sommer 2020 ihr Abiturzeugnis in Händen.

Am Kolleg können Erwachsene die allgemeine Hochschulreife erwerben, anders als am Abendgymnasium findet der Unterricht tagsüber statt. Sehr weit verbreitet ist die Schulform des Zweiten Bildungsweges nicht; in Brandenburg gibt es zwei Kollegs, in Potsdam und Cottbus. In Berlin sind es immerhin fünf. Und die Schulform ist entsprechend wenig bekannt. „Ich bin im Internet auf die Kollegs gestoßen, durch Zufall“, erzählt Mariam Raufi. „Eine Woche vor Schulbeginn war das, und ich habe dann gleich angefangen“, erzählt sie. Ihre Erzieherausbildung brach sie dafür ab.

Drei Jahre dauert der Weg zum Abitur am Kolleg. Im Vorfeld findet ein halbjähriger Vorkurs statt, in dem eine zweite Fremdsprache erlernt wird, Kenntnisse in Mathematik, Deutsch und Englisch aufgefrischt werden. Mitte Januar hat ein solcher neuer Kurs am Treptow-Kolleg begonnen, manchmal stoßen auch später noch Nachzügler hinzu. „Eine Bewerbung ist jederzeit möglich“, sagt Schulleiterin Bianka Haase.

Dass die Freude über Neuzugänge bei ihr besonders groß ist, hat einen Grund. Die Schülerzahlen am Treptow-Kolleg sind in den vergangenen Jahren regelrecht eingebrochen. 295 sind es nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung aktuell, vor vier Jahren waren es noch 458. Auch alle anderen Berliner Kollegs verzeichnen Rückgänge, am Kolleg Schöneberg und am Charlotte-Wolff-Kolleg in Charlottenburg ist die Entwicklung ähnlich dramatisch wie in Treptow. Als mögliche Ursachen nennt die Senatsverwaltung die Schaffung von Alternativen, um Erwachsenen den nachträglichen Erwerb der Hochschulreife zu ermöglichen. Dies sei seit einigen Jahren auch möglich an Berufsoberschulen und im Rahmen der gymnasialen Oberstufe, nach Abschluss einer Ausbildung.

An der Schule des Zweiten Bildungsweges „Heinrich von Kleist“ in Potsdam hingegen berichtet Schulleiterin Angela Hoffmann von stabilen Zahlen. Aktuell seien es 132 Kollegiaten. Demgegenüber gibt es 63 Schüler, die ein Berliner Kolleg besuchen und wie Mariam Raufi in Brandenburg wohnen.

Das Durchschnittsalter der Schüler am Treptow-Kolleg liege bei 26 Jahren, sagt Bianka Haase. Etwa 70 Prozent aller Schüler, die in ihren nachträglichen Weg zur Hochschulreife starten, halten später ihr Abiturzeugnis in Händen. Die Schulleiterin hält die Kollegs für wichtig für die Gesellschaft. „Jeder Abi-turient, der an die Uni geht, könnte potenziell ein Physiker oder Chirurg sein. Hochausgebildete Menschen werden gebraucht“, sagt sie. Nach ihrer Erfahrung ist vor allem das Lehramtsstudium beliebt bei den Absolventen.

Diesen Weg hat auch Romy Braun eingeschlagen. Ihr Abi-tur machte sie einst am Charlotte-Wolff-Kolleg, und jetzt unterrichtet sie Mariam Raufi und deren Klassenkameraden in Politikwissenschaft. Ihren erwachsenen Schülern macht sie ein Kompliment. „Die Lernatmosphäre ist ruhiger als an einem Gymnasium, und altersbedingt ist der Unterricht mit Erwachsenen auf einem höheren Niveau möglich“, sagt die 41-Jährige, die vorher an einem Gymnasium tätig war.

Bianka Haase hat eine andere Theorie als die Senatsverwaltung, warum die Schülerzahlen so deutlich sinken. „Kollegs sind offenbar noch viel zu wenig bekannt“, sagt die Schulleiterin. Sie will die Öffentlichkeitsarbeit intensivieren, Flyer verteilen, Bildungsmessen besuchen. „In Broschüren des Senats wird der Zweite Bildungsweg erst seit Kurzem erwähnt“, sagt sie. Sorgen, Kollegs könnten mangels Schülern geschlossen oder fusioniert werden, habe sie noch nicht. „In meinen Gesprächen im Senat war von Umstrukturierungen nie die Rede“, erzählt sie.

Manchmal hilft auch Mundpropaganda. Mariam Raufi aus Fürstenwalde hat das Treptow-Kolleg einer Freundin empfohlen. „Sie will auch ihr Abi nachholen und hierher kommen“, sagt sie.

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