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Schwedt : Skelettfunde von Rotarmisten im Deich

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Bei Bauarbeiten nördlich von Schwedt finden Kampfmittelsucher Munition und elf gefallene Rotarmisten

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden bei Erdarbeiten am Hochwasserschutzdeich vor Schwedt Fundmunition sowie Kriegstote ans Tageslicht befördert. 15 Granaten mussten am Montag vor Ort gesprengt werden, die Überreste von elf Rotarmisten wurden ausgebettet.

Nördlich von Schwedt zwischen der Schleuse und der Papierfabrik Leipa saniert das Land Brandenburg für knapp 6,6 Millionen Euro drei Kilometer Deich. Zuvor suchten mehrere Firmen den Deich und das Umfeld nach Fundmunition ab. Experten hatten dort und weiter nördlich Unmengen von Munitionsfunden erwartet, weil das Gebiet in den letzten Kriegstagen 1945 schwer umkämpft war. Hier wollte die Rote Armee auf dem Weg nach Berlin über die Oder setzen, während die letzten zusammengewürfelten Einheiten und der Volkssturm auf deutscher Seite erbitterten Widerstand leisteten. In dem Gebiet piepen die Metalldetektoren der Kampfmittelsucher fast ununterbrochen. Gefunden wurden Granatsplitter, scharfe Munition, aber auch Gürtelschnallen, Knöpfe, Stahlhelme und andere metallische Gegenstände, die die Soldaten bei sich trugen, als sie vor 70 Jahren hier vergraben wurden.

Knapp 40 Zentimeter unter der Grasnarbe vom Deich stießen die Kampfmittelsucher an drei Stellen auf die Überreste von insgesamt elf Rotarmisten. Sie wurden vom Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge ausgebettet, dokumentiert und für die ordentliche Bestattung auf einer Kriegsgräberstätte vorbereitet. Umbetter Joachim Kozlowski fand fast nur stark zerstörte Knochen vor. „Die unteren Extremitäten wiesen mehrfache Frakturen auf, waren von Splittern und Geschossen durchsiebt. Anhand von roten Sternen an Uniformknöpfen, Kopeken, Löffeln mit russischer Inschrift und Helmen konnten wir sie eindeutig als Rotarmisten identifizieren. Hinweise auf ihre Identitäten jedoch fanden wir nicht“, berichtet Joachim Kozlowski. Die Toten wurden 1945 offensichtlich nach dem Krieg in der Nähe ihrer Fundorte vergraben, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Um ein Gebein fand sich eine Drahtschlaufe, an der er offenbar in das Erdloch gezogen wurde. Die Toten lagen wohl schon längere Zeit auf dem Schlachtfeld, weshalb sie niemand mehr anfassen wollte. Bei einem der Knochenfunde fand der Munitionsbeseitigungsdienst Gewehr- und Pistolenmunition sowie sechs zum Teil noch scharfe Handgranaten. Sprengmeister André Vogel schätzte zwei davon sowie weitere 13 Wurf-, Spreng-, Panzerspreng- und Gewehrsprenggranaten russischer und deutscher Bauart mit völlig verrosteten Zündern als nicht transportfähig ein. Mit fünf Sprengladungen gezündet, detonierte die Fundmunition am Montag gegen Mittag auf einer nahegelegen Landzunge. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hatte vorher aufwändig Druckent-lastungsgräben angelegt, um Schäden an Bäumen im Nationalpark zu vermeiden. Bei der Bergung der Überreste der Kriegstoten war Evgeny Aljoschin dabei, verantwortlich für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit in der russischen Botschaft Berlin. Er will klären, ob die elf Rotarmisten auf der zentralen Kriegsgräberstätte für sowjetische Gefallene in Lebus oder in Schwedt beigesetzt werden.

 

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erstellt am 27.Jul.2016 | 04:45 Uhr

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