Siegeszug einer Pappe

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28. Juli 2010, 01:57 Uhr

Luckenwalde | Der Buchbinder Hermann Henschel (1843-1918) aus dem brandenburgischen Luckenwalde nahe Berlin schätzte Hygiene. Wenn Marktfrauen Fisch, Käse oder Fleisch lässig in Zeitungspapier verpackten, mochte er das gar nicht. Druckerschwärze an Lebensmitteln - dem Fachmann verging schnell der Appetit. Eine ärztliche Abhandlung über die nicht hygienische Verpackung von Lebensmitteln stachelte den 23-Jährigen an, für Abhilfe zu sorgen. Er erfand den Pappteller.

"Konkurrent" Dutschke

Heutzutage ist seine Erfindung aus dem Alltag kaum noch wegzudenken, sein Name aber geriet in Vergessenheit. Denn Luckenwalde war bislang eher bekannt für seinen anderen berühmten Sohn: Der Studentenführer Rudi Dutschke verbrachte zu DDR-Zeiten hier seine Kindheit. An ihn erinnert im Museum sein handgestrickter Ringelpullover.

Vor 140 Jahren gelang Henschel mit dem Pappteller eine aus heutiger Sicht fast simple Erfindung. Der Leiter des Luckenwalder Heimatmuseums, Roman Schmidt, freut sich über die Stücke in seinem Haus. Neben Papptellern gibt es nun auch ein Ölgemälde, das den umtriebigen Unternehmer im Alter von etwa 50 Jahren zeigt. Vor einigen Jahren übergab seine Urenkelin das Bildnis aus Familienbesitz.

"Über Henschel war bis dato nur wenig bekannt", meint Schmidt. Nun kann auch eine Urkunde zur Silberhochzeit des Firmengründers betrachtet werden. Mit ihren Unterschriften haben viele Mitarbeiter dem Chef des Unternehmens damals gratuliert. Die originalen Patente des visionären Geschäftsmannes liegen dem Museum laut Schmidt leider nicht vor. "Im Patentamt sind sie aber gesehen worden."

Henschel nutzte für erste Versuche ein damals neuartiges Papiermaterial, dass sich wie ein Teller formen ließ. Mit aus der Buchbinderei bekannten Maschinen prägte er Muster ein. "Doch zunächst blieb dem Erfinder der Erfolg versagt", erzählt Schmidt. Als er später mit extra hergestellten Maschinen eine Massenproduktion startete, griffen Berliner Geschäftsleute zu. Der Siegeszug des Papptellers begann.

Der Luckenwalder hat auch Pikiertöpfe aus Pappe erfunden. Für Gartenliebhaber sind sie unerlässlich für die Anzucht von Pflanzen. Als einer der ersten bedruckte Henschel zudem Bierdeckel mit Werbebotschaften.

Bundesweit stellen nach Angaben der Fachvereinigung Hartpapierwaren und Rundgefäße mit Sitz in Frankfurt/Main vier Firmen Pappteller her. Schätzungen gehen von drei bis vier Milliarden Stück im Jahr aus. Der Umsatz liegt den Angaben nach bei 40 bis 45 Millionen Euro. Der deutsche Markt wird vor allem mit den Produkten der einheimischen Firmen beliefert. Angesichts der im Centbereich liegenden Ausgaben für die Pappteller rentierten sich hohe Transport- und Frachtkosten aus Asien nicht, heißt es.

Auch in Luckenwalde werden 140 Jahre nach Henschels Erfindung noch immer Pappteller produziert. 32 Mitarbeiter der PVL Papierverarbeitung Luckenwalde stellen heute nach Unternehmensangaben zwischen 15 und 25 Millionen Stück im Monat her - dazu kommen, wie schon zu DDR-Zeiten, Weihnachtsteller. An den Erfinder erinnern in seiner Heimatstadt noch einige gut 100 Jahre alte Stücke und eine Handpresse, mit der dem Papier die richtige Form gegeben wurde.

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