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Brandenburg

19. Oktober 2017 | 18:28 Uhr

Sexismus im Land noch nicht erlebt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Gesundheitskarte für Flüchtlinge auf dem Vormarsch / Chancen in den Gesundheitsberufen

Sie ist die Hoffnungsträgerin der Brandenburger Linken: Diana Golze ist Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie. Benjamin Lassiwe hat mit ihr gesprochen.

Frau Golze, wie fühlt man sich, wenn man immer als jüngste Ministerin Brandenburgs vorgestellt wird?
Diana Golze:Am Anfang war das schon seltsam. Da hatte ich das Gefühl, dass ich die Neue bin. Die Anderen im Kabinett haben das alle schon ewig gemacht, und ich habe gerade erst angefangen. Heute bin ich auch in den Themen so drin, dass man das nicht mehr merkt. Inzwischen kann ich ja auf viele praktische Erfahrungen und viele Termine vor Ort zurückgreifen.

Als ich frisch aus dem Bundestag kam, war das noch anders. Dort pflegte man eher eine Draufsicht auf die Dinge und ein deutlich theoretischeres Herangehen.

In Berlin gibt es gerade eine Sexismus-Debatte um eine CDU-Bezirksabgeordnete aus Mitte. Kennen Sie ähnliche Situationen aus Brandenburg?
Nein, zum Glück nicht. Solche Vorfälle sind mir in Brandenburg nicht begegnet. Im Bundestag war das anders, da gab es schon mal entsprechende Zwischenrufe oder übergriffige Kommentare. Aber hier in Potsdam habe ich das noch nicht erlebt, weder im Plenum des Landtags noch bei Terminen außer Haus – wobei es natürlich schon schade ist, dass wir im Kabinett nur drei Ministerinnen sind. Wenn wir mehr wären, würde das vielleicht auch manche Dinge vereinfachen, weil Frauen oft schon einen schnelleren Draht zueinander haben als Männer.

Ist die Linkspartei stärker immun gegen Sexismus als andere Parteien?
Ich würde eher sagen, wir sind da hellhöriger. Bitte legen Sie es mir nicht als Presseschelte aus, aber als Dr. Martina Münch ihr Amt als Ministerin wieder angetreten hat, titelte eine Tageszeitung „Comeback einer Gescheiterten“. Ich habe damals zu Martina Münch gesagt: Wärst du ein Mann gewesen, hätte man das nicht geschrieben. Ich glaube schon, dass es in der Politik bestimmte Verhaltensweisen und Denkmuster Frauen gegenüber gibt. Als Linke achte ich auf so etwas – aber ein dickeres Fell habe ich nicht.

Sie werden immer wieder auch als nächste Landesvorsitzende der Linken gehandelt. Wie gehen Sie damit um?
Damit gehe ich gar nicht um, weil ich genug mit meinem Job zu tun habe, und sich die Frage derzeit nicht stellt. Vor 2018 müssen wir den Landesvorsitz ohnehin nicht neu wählen.
Als Ministerin setzen Sie sich ja für die Schaffung einer Gesundheitskarte für Asylbewerber ein. Wie ist da der Stand?
Die Karte gibt es ja schon in einigen Landkreisen – Potsdam, Teltow-Fläming, Oberhavel. Cottbus und das Havelland wollen sie zum 1. Januar 2017 einführen. Dahme-Spreewald hat das Thema auf der Tagesordnung und plant es ebenfalls zum 1. Januar. Andere Kreise warten noch, bis ihnen die vom Kabinett beschlossene Erstattungsverordnung vorliegt. Die wird gerade im Mitzeichnungsverfahren diskutiert – und ich denke, sie wird bei den anderen Kommunen die letzten Befürchtungen ausräumen, dass sie auf Kosten sitzenbleiben könnten. Denn die Verordnung regelt ja, dass die Ausgaben die die Krankenkassen leisten, vom Land den Landkreisen erstattet werden. Und alle weitere Behandlungen – etwa Zahnersatz oder Organtransplantationen – müssen ja heute schon von den Kreisen bewilligt werden.

Es gibt Befürchtungen, dass durch die Gesundheitskarte die Termine in den Arztpraxen noch knapper werden.
Es mag sein, dass sich Menschen solche Fragen stellen. Es gibt Landkreise, die haben das bisher so gemacht, dass sie die Behandlungsscheine nur an bestimmten Tagen ausgeteilt haben. Dann sind alle an einem Tag hingegangen, haben sich den Schein geholt und sind mit geballter Wucht in die Arztpraxen der näheren Umgebung gestürmt. Das kann künftig nicht mehr passieren. Insofern ist die Gesundheitskarte künftig eher eine Entlastung.

Welche Auswirkungen haben die Flüchtlinge auf die Ärztedichte im Land?
Wir haben jetzt 25 000 Menschen mehr im Land Brandenburg. Und die Arztsitze regeln sich ja nach der Bevölkerungsstruktur. Wenn mehr Menschen in einer Region wohnen, kann das dazu führen, dass ehemals gesperrte Arztsitze frei werden. In Potsdam ist es heute schon so: Es ist eine wachsende Stadt und durch den Zuzug sind einzelne Stadtteile wieder für neue Hausärzte frei geworden.

Wie geht es mit den Medizinern unter den Geflüchteten weiter?
Ich habe selbst schon einen syrischen Augenarzt kennengelernt, der in Syrien eine entsprechende Klinik geleitet hat. Die Familie wollte sich in der Prignitz niederlassen, ist aber nun nach Sachsen gegangen. Ganz generell sind die medizinischen Berufe ja streng geregelt, man muss Abschlüsse nachweisen, und sich Unterlagen aus der Heimat kommen lassen. Das ist gerade in einem Bürgerkriegsland wie Syrien ein langwieriges Verfahren. Auch unser Landesamt für Gesundheit müssen wir in diesem Bereich noch stärker unterstützen.

Wie sieht es bei der Fort- und Weiterbildung aus?
Die Qualifizierungsangebote werden sich jetzt noch einmal deutlich verbessern, weil wir durch die geringer werdenden Flüchtlingszahlen mehr Zeit haben, um uns um die Menschen zu kümmern. Ich denke, dass die Menschen in Deutschland noch nötige Qualifikationen in Zukunft schneller erwerben können.

Aber es sind ja nicht alle Geflüchtete schon ausgebildete Ärzte. Deswegen geht es auch darum, welche nicht formal nachweisbaren Neigungen vorhanden sind, die man für eine Ausbildung nutzen kann.

Ich persönlich glaube, dass sich viele der weiblichen Geflüchteten im Gesundheitsberuf umschauen werden. Denn die Gesundheitsberufe sind ja Mangelberufe in Deutschland. Bei den Männern ist es kulturell bedingt eher nicht zu erwarten, dass sie sich hier so ausbilden lassen, weil die Gesundheits- und Pflegeberufe in ihren Herkunftsländern klassische Frauenberufe sind.

Was halten Sie von der Akademisierung der Pflege?
Es gibt ja an der BTU Cottbus-Senftenberg schon die Möglichkeit, ein Bachelor-Studium in diesem Bereich zu machen.

Ich glaube, dass das ein kleiner Puzzlestein darin sein kann, mehr Menschen in diesen Beruf und in diese Branche zu locken. Denn wer einen Hochschulabschluss mitbringt, wird in der Regel besser bezahlt – und ist auch für anspruchsvollere Aufgaben qualifiziert.

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