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Mast gesprengt : Sendeschluss in Zehlendorf

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Ende einer Ära : Das einst höchste Bauwerk Europas wurde gesprengt

svz.de von
erstellt am 27.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Ein Stück Rundfunkgeschichte ist am Samstag durch fünf Sprengladungen beendet worden. Der 359,70 Meter hohe Mast des Langwellensenders Zehlendorf (Oberhavel) fiel der Länge nach zu Boden. Viele ehemalige Techniker verfolgten das Schauspiel, darunter die Zehlendorfer Ulf Heinrich und Hans Schultrich.

Zwei Jahre lang war der weithin sichtbare Gittermast das höchste Bauwerk Europas. 1952 wurde beschlossen, am Standort der früheren Funksendestelle Rehmate, von der ab 1936 anlässlich der Olympischen Spiele das Radioprogramm über Kurzwelle gesendet worden war, den zentralen Langwellensender der DDR zu errichten. Die 70 Meter mächtige Lössschicht mit Ton im Zehlendorfer Boden war besonders geeignet für den Sendebetrieb. Die Feuchtigkeit im Boden war wichtig für die Erdleitungen des Senders, erklärt der frühere Fernmeldetechniker Hans Schultrich, der am Aufbau des Senders Zehlendorf beteiligt war. Mit 351 Metern galt der Mast mit der sechsteiligen Doppelkegelreusenantenne in den ersten zwei Jahren als höchstes Bauwerk Europas, bis Samstag stand der Nachfolger mit 359,70 Metern auf Platz 21.

Direkt nach der Inbetriebnahme 1962 sorgte der Zehlendorfer Antennenmeister Werner Kirchner für einen nie gebrochenen Rekord. Er erklomm die Antennenspitze binnen 29 Minuten und öffnete oben freistehend ein Bier. Normalerweise dauert der kräftezehrende Aufstieg über Leitern eine Stunde.

1978 mussten die Zehlendorfer schon einmal Abschied nehmen von ihrem Wahrzeichen. Am 18. Mai durchtrennte eine russische MiG eines der Reusenseile. Der Mast geriet in Schwingung, hüpfte aus der Verankerung und stürzte in Sekundenschnelle ein. Der Düsenjet mit einem Flugschüler am Steuer hatte wegen eines Triebwerksschadens die Flughöhe unterschritten. Die Maschine stürzte bei Neuholland auf ein Feld, die Piloten konnten sich mit Fallschirmen retten.

„Ich war in der Betriebskantine und hab nichts mitbekommen“, erinnert sich Ulf Heinrich. Die Zehlendorfer seien schockiert gewesen, als der Sendemast plötzlich verschwunden war. Am 7. Oktober 1979 ging eine neue Antenne in Betrieb. Der Mast war 8,70 Meter höher. Wie beim Vorgänger und danach beim Berliner Fernsehturm kamen Kletterkräne zum Einsatz, die die aus der Sowjetunion gelieferten Stahlteile aufeinander setzten.

Seit Einstellung des Langwellensendebetriebs Ende 2014 verwahrlosen die Gebäude auf dem 125 Hektar großen Gelände. „Die Stadt hat sich nie Gedanken über eine Nachnutzung gemacht“, kritisiert Hans Schultrich. Das Kulturhaus ist lange verschlossen. Einst fanden hier die Veranstaltungen zum 1. Mai und 7. Oktober, Brigadefeiern und Karnevalsfeste statt. Zuletzt wurde noch Tischtennis gespielt. Seit einigen Jahren ist der Saal ungenutzt. Ein Toilettenfenster steht weit offen, so als ob jemand den Verfall beschleunigen möchte. Das Wandbild, das eine Bäuerin bei der Ernte vorm Funkmast und eine Friedenstaube zeigt, ist bedroht, weil der Putz abfällt.

Immerhin stand die Anlage in der Landesdenkmalliste. Die Abrissgenehmigung wurde dennoch erteilt. Die Miete, die durch das Senden weniger UKW-Frequenzen, unter anderem für Antenne Brandenburg und BB Radio, hereinkam, deckte nicht die Betriebskosten nicht. Teuer ist der Unterhalt des Sendemasts. Alle sechs Jahre muss die Standfestigkeit überprüft werden. Das kostete zuletzt eine halbe Million Euro.

Hans Schultrich und Ulf Heinrich versuchen jegliche Sentimentalität zu vermeiden. Alles habe eben seine Zeit, sagen sie. Traurig über das Verschwinden des technischen Denkmals und Zehlendorfer Wahrzeichens sind sie dennoch.

Gesendet wurde mit einer Energie von 10,8 Kilovolt. Die dabei entstandene Wärme reichte zum Heizen sämtlicher Gebäude des Senders. Riesige Isolatoren an den Reusenseilen sorgten für Schutz. Hans Schultrich hat eine Hochleistungstriode gesichert, die mit Wasser gekühlt wurde. Die Technik hatte damals den Wert eines Trabanten: 11 000 Mark. Schultrich, der später das Kurzwellenzentrum Nauen aufbaute, hat die Entwicklung des Senders stets begleitet. Immerhin sei über Langwellen der deutsche Seewetterdienst bis nach Skandinavien und an den Bosporus gesendet worden.

 

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