Erstes Bildhauermuseum im Land : Seitz’ künstlerischer Nachlass

Die Bronzefigur „Junge ruhende Sappho“von 1965 des Künstlers Gustav Seitz vor dem neuen Museum auf dem Gelände des Bildungs- und Begegnungszentrums in Trebnitz .
Die Bronzefigur „Junge ruhende Sappho“von 1965 des Künstlers Gustav Seitz vor dem neuen Museum auf dem Gelände des Bildungs- und Begegnungszentrums in Trebnitz .

Auf dem Gelände des Bildungs- und Begegnungszentrums Schloss Trebnitz hat Brandenburg ein neues Museum

svz.de von
05. September 2017, 05:00 Uhr

Sein Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz in Berlin-Prenzlauer Berg ist wohl das bekannteste Werk des Bildhauers Gustav Seitz. Eine kleinere Version der Bronzefigur, ein Gipsmodell und eine überdimensionale Kopfstudie von Kollwitz stehen jetzt in Trebnitz (Märkisch-Oderland). Auf dem Gelände des Bildungs- und Begegnungszentrums Schloss Trebnitz hat Brandenburg ein neues Museum bekommen, das am 11. September anlässlich des 111. Geburtstages des Künstlers offiziell eröffnet wird.

Im einstigen Wasch- und Schlachthaus des Schlossensembles, einem für 600 000 Euro sanierten, zweistöckigen Ziegelgebäude, findet sich der komplette künstlerische Nachlass des gebürtigen Mannheimers, der 1969 in Hamburg starb: etwa 150 Skulpturen, mehr als 4000 Zeichnungen und Grafiken, eine umfangreiche Bibliothek sowie Mobiliar – Schreibtisch des Künstlers inklusive.

Seine Witwe hatte Wohn- und Atelierhaus samt Inventar einst einer Stiftung vermacht, die aus zwei Kunsthistorikern besteht. „Inzwischen ist das Gebäude marode. Die beiden betagten Herren hofften zunächst, Seitz' Erbe in einem Bildhauermuseum wie dem Berliner Kolbe-Haus oder dem Barlach-Haus in Wismar unterzubringen. Doch da wären seine Werke nur im Depot gelandet“, erzählt Dariusz Müller, Leiter des Bildungs- und Begegnungszentrums in Trebnitz.

Zum Konzept seiner Einrichtung gehört es, sämtliche einst das Schlossensemble bildende Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen: Die frühere Remise ist heute Dorfladen und Treffpunkt für den Gemeinderat, die alte Schmiede wurde zum Seminarzentrum und Veranstaltungsort für Familienfeiern.

„Wir sind eine deutsch-polnische Bildungsstätte für Kinder und Jugendliche. Dazu gehört auch Kulturpädagogik“, sagt Müller und glaubt, dass dies auch im Sinne des Bildhauers sei. „Seitz, in den 1950er Jahren Professor an der Akademie der Künste, waren seine Studenten immer wichtig“, sagt er. Angedacht sind Bildhauer-Workshops, in denen Jugendliche Skulpturen aus Lehm schaffen oder lernen, wie eine Bronzeskulptur entsteht – von der Zeichnung über das Gipsmodell bis hin zum Guss. „Kinder sind heute motorisch vielfach unterentwickelt. Dagegen müssen wir etwas tun“, ist der Politologe überzeugt. Seitz war bekannt für seine realistischen Plastiken, die nunmehr als Anschauungsobjekte für Nachwuchs-Künstler dienen könnten, sagt er. Doch auch politische Bildung sei anhand dieses Bildhauers zwischen Ost und West anschaulich möglich. „Sein Leben ist ein Beispiel für den Kalten Krieg zwischen beiden deutschen Staaten noch vor dem Mauerbau. Argwohn begleitete Seitz in Ost und West“, sagt Müller.

Als Seitz den Nationalpreis der DDR 1949 entgegen nahm und Mitglied der Akademie der Künste zu Berlin (Ost) wurde, suspendierte man ihn von der Lehrtätigkeit an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Charlottenburg und erteilte ihm mit sofortiger Wirkung Hausverbot. 1953 scheiterten seine Pläne einer Lehrtätigkeit an der Werkakademie Kassel, weil sich der Künstler weigerte, die DDR und seine Meisterschüler an der Akademie der Künste zu verlassen. Und als sein Käthe-Kollwitz-Denkmal 1960 in Berlin aufgestellt wurde, lebte er bereits zwei Jahre in Hamburg, lehrte dort an der Hochschule für bildende Künste und kehrte nie mehr in den Osten Deutschlands zurück.

Müller hält das erste Bildhauermuseum Brandenburgs für durchaus angebracht. War Seitz doch eng mit dem Dichter Bertolt Brecht befreundet, der seinen Sommersitz im nur etwa 40 Kilometer entfernten Buckow (Märkisch-Oderland) hatte. In Seitz’ Nachlass finden sich mehrere Porträt-Köpfe, die er von dem Dichter gemacht hat. „Für Februar bereiten wir eine Brecht-Ausstellung vor, wollen dafür eng mit dem Brecht-Weigel-Haus in Buckow zusammenarbeiten“, sagt Müller.

Auf noch mehr Kulturtouristen freut sich Ellen Russig, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree. „Ostbrandenburg erhält einen weiteren sehr hochwertigen kulturellen Reiseanlass. Das gesamte Schlossareal wird dadurch aufgewertet“, sagt sie.

In der Region gebe es viele Anknüpfungspunkte, sagt Gernot Schmidt (SPD), Landrat von Märkisch-Oderland. „Ich selbst stamme aus Altlangsow (Märkisch-Oderland), wo der Bildhauer Werner Stötzer lebte, ein Schüler von Seitz.“ Ein Ziel sei es, in den nächsten Jahren einen Gedächtnisort für die Schüler des Bildhauers zu entwickeln, zu denen auch der Fotomontagekünstler John Heartfield gehörte, der in Waldsieversdorf (Märkisch Oderland) ein Sommerhaus besaß. Werke von Seitz finden sich auch im Kunstarchiv Beeskow (Oder-Spree), das die einstige DDR-Auftragskunst der heutigen Länder Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bewahrt.  

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