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So funktioniert Filmförderung : Seismograf für gute Stoffe

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kirsten Niehuus kämpft als Chefin des Medienboards Berlin-Brandenburg unermüdlich um Filme aus der Region

svz.de von
erstellt am 15.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Die Berlinale ist in vollem Gange. Jetzt ist Zahltag. Kirsten Niehuus freut sich auf die Schecks, die sie dort entgegennimmt – so von Filmemacher Detlev Buck. Er vergütet der Geschäftsführerin der Filmförderung im Medienboard Berlin-Brandenburg, was sie ihm für die Teenager-Komödie „Bibi und Tina Teil 3“ geliehen hat. Die Herrin der Filmfördertöpfe der Region freut sich über jedes zurückgezahlte Darlehen – denn jedes gibt ihr recht. Die 57-Jährige ist der Seismograf für gute Filmstoffe aus der Hauptstadt und dem Umland. Lange vor dem Start einer Produktion muss sie spüren, ob das Thema auf Festivals und beim Publikum ankommen könnte.

Mehr als 500 Förderanträge landen jährlich auf ihrem Tisch. „Ich lese alle selbst, da die Entscheidung am Ende an mir hängen bleibt“, sagt sie selbstbewusst. Wie geht sie mit Rückschlägen um? „Weitermachen, einfach weitermachen. Nach vorn gucken.“

2016 unterstützte Kirsten Niehuus Filme, Serien, Verleih und Festivalauftritte mit 26,5 Millionen Euro aus den Landeskassen von Berlin und Brandenburg. Mit 22,7 Millionen Euro wurden 104 Projekte produziert, darunter 42 Spielfilme und fünf Serien.

So ein Arbeitspensum verlangt Disziplin. Um halb sieben klingelt der Wecker. Wenig später checkt sie E-Mails und liest Zeitungen. Treffen mit Produzenten folgen, Einladungen bei Institutionen, in deren Beiräten sie sitzt, wie dem Kuratorium der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und Vorlesungen als Honorarprofessorin der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“. Für Privates bleibt Kirsten Niehuus nicht viel Raum. „Wenn ich mal Zeit habe, gehe ich gern ins Kino“, erzählt sie.

Wenn sie könnte, würde die gebürtige Hamburgerin den Deutschen Filmförderfonds von 50 auf 250 Millionen Euro aufstocken und ihn nicht mit einer Maximalförderung begrenzen. „Ich würde ihn für Fernsehserien öffnen und der deutschen Filmindustrie so zu einem erheblichen Wachstum verhelfen.“ Bis es irgendwann vielleicht so weit ist, erfreut sich Kirsten Niehuus an ihren Erfolgen wie der Bilanz des vorigen Produktionsjahres: „Im diesjährigen Festivalprogramm zeigt die Berlinale 21 vom Medienboard geförderte Filme. Fünf davon gehen sogar ins Rennen um den Goldenen Bären“, sagt sie.

Neben Altmeistern wie Volker Schlöndorff hat Kirsten Niehuus junge Filmemacher fest im Blick: „Das sind unsere nachwachsenden Rohstoffe“, sagt sie auf die Frage, warum sie das Nachwuchsprogramm „Leuchtstoff“ mit dem Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) ins Leben rief. „Der filmische Nachwuchs ist sehr wichtig, weil Film und Kino sehr innovative Branchen sind und junge Leute immer neue Ideen reinbringen.“ Einige gibt es auf der Berlinale zu bestaunen: „Ich freue mich sehr auf ‚Tiger Girl‘ von ‚Love Steaks‘-Regisseur Jakob Lass“, verrät Kirsten Niehuus. Der Beitrag des Babelsberger Filmuni-Absolventen um die jungen Frauen Tiger und Vanilla eröffnet die Sektion „Panorama“.

Auf dem „European Film Market“ der Berlinale werden Filme wie „Tiger Girl“ ge- und verkauft. Die Business-Plattform sei wichtig, „damit die wichtigen Player aus der Branche anreisen“, erklärt Kirsten Niehuus. Nach der Berlinale muss sie auftanken. „Da habe ich immer das Gefühl, ich habe allen alles gesagt. Danach ist mir nach Schweigen.“ Kurz darauf sitzt die Medienboard-Chefin schon im Flugzeug nach Los Angeles. Dort werden am 26. Februar die Academy Awards verliehen. Als eine von fünf Produktionen ist eines ihrer „Babys“ in Rennen um den besten fremdsprachigen Film: Maren Ades Vater-Tochter-Drama „Toni Erdmann“. Wenn es nach Kirsten Niehuus geht, landet dieser Oscar in Deutschland.

„Kirsten hat einen sehr starken Durchsetzungswillen, arbeitet professionell und hat eine geschickte Fördermentalität, die nicht nur Projekte, sondern auch Infrastruktur und Innovationen fördert“, sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick über seine Kollegin. Schon früh unterstützte sie das Filmfestival Cottbus, für ihre Verdienste um die Entwicklung des mittel- und osteuropäischen Films erhielt sie die Ehren-Lubina. In der Laudatio betonte Regisseur Andreas Dresen: „Kirsten Niehuus war eine der wenigen, die in den 1990ern als Unterstützerin in diese Region kam. Ihr haben wir zu verdanken, dass diese heute eine führende Filmregion ist.“

„Sie weiß immer ziemlich genau, was in der Szene los ist“, so Kosslick. Das laute und herzliche Lachen gehört zu Kirsten Niehuus wie ihre Ungeduld. Immer alles hier, jetzt und gleich zu wollen und umtriebig zu sein, bringt Dinge voran. Kosslick lobt: „Auch die Drehorte Berlin, Brandenburg und Babelsberg hat sie bekannt gemacht. Und das Wichtigste: Zum Fördern braucht man Geld. Während ihrer Amtszeit hat sich die Fördersumme des Medienboards verdoppelt.“

 

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