Prozessauftakt in Frankfurt (Oder) : Schleuser steht vor Gericht

Der Syrer Muhammad H. (2.v.l.) steht zwischen seinen beiden Anwälten zum Prozessauftakt in einem Verhandlungssaal des Landgerichts in Frankfurt (Oder).
Der Syrer Muhammad H. (2.v.l.) steht zwischen seinen beiden Anwälten zum Prozessauftakt in einem Verhandlungssaal des Landgerichts in Frankfurt (Oder).

Syrier muss als Kopf einer Menschenschleuserbande für den Tod von Flüchtlingen und Bootsführern verantworten.

svz.de von
15. Juni 2016, 05:00 Uhr

Im Prozess um Menschenschleusungen über das Mittelmeer hat sich der angeklagte Syrer als „dringend nachgefragter Dienstleister“ bezeichnet. Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) leugnete er gestern, der Kopf einer Menschenschleuserbande gewesen zu sein. In einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung gab der 37-Jährige weiter an, er sei lediglich ein Mitglied der 100 Syrer umfassenden Organisation gewesen, die sich nicht als kriminell, sondern als Dienstleister gesehen habe. Er habe in der Bande keinerlei „Weisungsbefugnisse gehabt“

Dem 37-jährigen Muhammad H. wird Einschleusen von Ausländern mit Todesfolge vorgeworfen. Laut Anklage war der vierfache Familienvater verantwortlich dafür, dass in der Nacht zum 21. April vergangenen Jahres ein völlig überfülltes Flüchtlingsboot auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland wegen schlechten Wetters kenterte. Zwei Bootsführer und drei Flüchtlinge ertranken.

Laut Anklage hatte der gelernte Koch den gefährlichen Transfer organisiert und dafür 2400 Euro Schleuserlohn von jedem der Passagiere verlangt. Ein Angehöriger eines der Opfer sagte am ersten Prozesstag gegen den Angeklagten aus. Der Vater eines der Opfer gab an, der Mann habe ihm gesagt, er sei der Chef. Er habe acht Monate lang nach dem verantwortlichen Schleuser gesucht. Über Facebook und andere Internetseiten habe er Fotos des Angeklagten bekommen. Anhand derer erkannte er den Schleuser gestern vor Gericht wieder. Seine Spurensuche führte den Zeugen im Sommer vergangenen Jahres nach Berlin. Von einem Verwandten des Mannes bekam er demnach die Adresse des Gesuchten – ein Flüchtlingsheim in Strausberg (Märkisch-Oderland). Der Mann erstattete Anzeige. Er habe den Angeklagten nie gesehen, aber vor dem Unglück mit ihm telefoniert.„Damals hat er mir gesagt, er sei der Chef der Schleuserorganisation“, schilderte der 43 Jahre alte Rechtsanwalt aus Syrien.

Er selbst war bereits 2014 als Flüchtling nach Österreich gekommen – geschleust vom Bruder des Angeklagten, wie er vor Gericht angab. 2015 hatte er seine Familie nachholen wollen, doch der Vater ertrank im Mittelmeer, die Halbschwester überlebte verletzt.

Im Dezember 2015 wurde der Mann von der Polizei verhaftet, nachdem ihn Angehörige der Opfer identifiziert hatten. Weitere Zeugen werden noch gehört.  

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