Reiter-Veranstaltung : Schleppjagdzeit in Staffelde

60 Reiter wirkten an der Schleppjagd mit. Nach zwei Unfällen wurde sie gekürzt, um weiteren Risiken vorzubeugen.
60 Reiter wirkten an der Schleppjagd mit. Nach zwei Unfällen wurde sie gekürzt, um weiteren Risiken vorzubeugen.

Reiter, Hundemeute und gutes Wetter sorgen für gute Stimmung, doch dann kommt es zu schweren Unfällen

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20. November 2018, 05:00 Uhr

„Wir sind eine tolle Gemeinschaft“, sagt Malte Voigts vor versammelter Mannschaft. Mehr als 60 Reiter, die 19-köpfige Hundemeute, viele Zuschauer, die sich das Spektakel durch Wald und Flur nicht entgehen lassen wollen – es ist viel los in Staffelde (Oberhavel). Zum dritten Mal hat der Geschäftsführer vom Spargelhof Kremmen mit dem Brandenburger Hunting Club und der Niedersachsen-Meute eine Schleppjagd organisiert. Dabei wird für Jagdhunde eine Duftspur, Schleppe genannt, gelegt und die Reiter folgen der Meute im hohen Tempo.

„Wir verwenden Anisöl, das in Wasser gelöst ist“, erklärt Camill von Dungern. Er ist der Jagdmaster und damit für das Wohlergehen der Foxhounds zuständig und dass die trainierten Jagdhunde auf der richtigen Spur bleiben. „Es ist ein Geruch, der so nicht in der Natur vorkommt“, erklärt von Dungern. Tröpfchenweise wird die duftende Flüssigkeit direkt vor der Jagd auf dem Boden verteilt. Am Sattel des Schleppenreiters befinden sich deshalb zwei mit der Flüssigkeit gefüllte Kanister.

Gewinn für die Region

Nicht nur die Reiter sind von der Veranstaltung angetan. „Es wird immer besser hier in Staffelde. Solche Traditionen müssen wir am Leben erhalten“, sagt Helmut Glanzer begeistert. Der stellvertretende Ortsvorsteher ist bei jeder der Schleppjagden als Zuschauer dabei gewesen. Auch Marlies Prügel findet, dass die Veranstaltung ein Gewinn ist für die Region: „Wir waren voriges Jahr schon hier. Es ist schön. Vor allem, weil es selten ist, dass man so etwas live erlebt.“

Tatsächlich ist die Schleppjagd eine Gemeinschaftsleistung, wie auch Malte Voigts betont. Ohne die Zustimmung aller Pächter und Landeigentümer wäre der Ritt durch die Felder und Waldstücke nicht möglich. Die Freiwillige Feuerwehr Staffelde/Groß-Ziethen sperrt die Landstraße, damit es beim Überqueren der Jagdgesellschaft nicht zu Unfällen kommt. Sieben Traktoren – von den Kremmener Treckerkerls, dem Spargelhof, dem Rhinlandreitpark und vom Schwanteland – fahren Zuschauer zu festgelegten Standorten, damit sie Hunde und Reiter bei ihrer Jagd im hohen Tempo beobachten können. Und der Staffelder Ortsvorsteher Heino Hornemann führt den Traktor-Tross nicht nur an und steht mit den Verantwortlichen der Schleppjagd in Verbindung, sondern bietet der Hundemeute aus Niedersachsen für die Nacht auch einen Platz zum Schlafen.

Und so geht es pünktlich um 12 Uhr mit einer kleinen Eröffnungsrede los. Die Hundemeute tänzelt im Jagdfieber hin und her, die Gesichter der Reiter sind angespannt, als Malte Voigts mit der Schleppenreiterin losreitet. Dann ist die Jagd eröffnet. Die Hunde stoßen lautes Jagdgeheul aus, suchen aufgeregt die Fährte, stürmen los. Die Reiter galoppieren hinterher, mit bis zu 50 Kilometer pro Stunde preschen die Pferde zeitweise davon. Die Besucher staunen und freuen sich bei Glühwein und Plaudereien über das Sportereignis und das schöne Wetter.

Damit die Hunde trinken können

Doch schon kurz nach dem Start, bei der zweiten Schleppe – nach einem bestimmten Streckenabschnitt endet die Fährte, damit die Hunde trinken können, danach wird die Fährte weiter ausgelegt –, wird die Stimmung getrübt. Vor den Zuschauern kommt es zu einem schweren Reitunfall. Beim Sprung über einen Baumstamm bleibt das Pferd mit den Vorderbeinen hängen, die Reiterin fällt und verliert das Bewusstsein. Heino Hornemann informiert umgehend Malte Voigts, der sofort zur Unfallstelle zurückreitet. Ein Notarzt, der bei Hornemann mitgefahren ist, kümmert sich um die medizinische Erstversorgung. Zwei weitere Ärzte, die als Reiter bei der Schleppjagd teilnehmen, kommen ebenfalls zur Unterstützung. Weil die junge Frau das Bewusstsein nicht wiedererlangt, wird ein Rettungshubschrauber alarmiert, der nach gut 20 Minuten eintrifft. Unterdessen setzt sich der Zuschauertross wieder in Bewegung, um Raum für den Hubschrauberlandeplatz frei zu machen, die Freiwillige Feuerwehr sichert diesen. „Ach Gott, ist das ein Albtraum“, sagt eine Frau. Und es wird die Frage gestellt: Soll die Veranstaltung weitergehen oder abgebrochen werden?

Es geht weiter, auch wenn den Organisatoren der Schreck ins Gesicht geschrieben steht. In vier Gruppen, die Felder genannt werden, können die Reiter bei der Schleppjagd mitmachen: Das Springerfeld springt über alle Hindernisse, das zweite Feld nur über ausgewählte. Das dritte Feld reitet mit hoher Geschwindigkeit, lässt aber die Hindernisse aus. Und dann gibt es das „Genießerfeld“, die sich bei langsamerem Tempo am Ritt durchs Gelände erfreut. Jeder Teilnehmer muss sich und die Fähigkeiten seines Pferdes selbst einschätzen und den geeigneten Schwierigkeitsgrad wählen. Dennoch kommt es an diesem Tag noch zu einem weiteren Reitunfall. Ein Junge wird von einem Pferd getreten und mit einem Schienbeinbruch ins Krankenhaus gefahren.

Verkürzte Jagd

In der Pause, die bei der Hälfte der Strecke gehalten wird, steht fest: Die Schleppjagd wird verkürzt. Ursprünglich sollte sie in sechs Etappen auf gut 22 Kilometern und mit 27 Hindernissen ausgetragen werden. „Wir werden maximal zwei Drittel der Strecke reiten. Es geht um die Sicherheit der Reiter, wir wollen keine weiteren Risiken eingehen und alle gesund nach Hause bringen“, sagt Malte Voigts, dem noch der Unfall zu Beginn der Schleppjagd nachhängt. Am Abend erreicht ihn aber die Nachricht, dass die verunglückte Frau wieder bei Bewusstsein ist und ihre Verletzungen nicht so schwer sind, wie zu befürchten war. „Sie hat sich den Kiefer gebrochen, aber keine bleibenden Schäden zu befürchten“, sagt Voigts.

Für die Teilnehmer ist die Staffelder Schleppjagd dennoch ein großes Ereignis. „Ich bin schon zum zweiten Mal dabei und es macht einfach Spaß, mit den Hunden zu reiten“, sagt der zwölfjährige Casper, der in der Nähe von Kiel wohnt. Auch seine Zwillingsschwester Friederike findet das und ergänzt: „Durch das Gelände zu reiten, zu springen und dazu die Meute – das ist einfach cool.


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