Schicksalstage einer Kaiserin

Gestorben in Frankfurt: Hermine von Preußen bewohnte nach Kriegsende mit Enkelsohn Fritz eine bewachte Etagenwohnung in der Oderstadt. ⇥
Gestorben in Frankfurt: Hermine von Preußen bewohnte nach Kriegsende mit Enkelsohn Fritz eine bewachte Etagenwohnung in der Oderstadt. ⇥

In Frankfurt (Oder) endete die Monarchie endgültig /Die zweite Frau von Wilhelm II. starb 1947 in der Oderstadt

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05. Dezember 2018, 05:00 Uhr

) Vor 100 Jahren dankte Kaiser Wilhelm II. ab; die Monarchie war am Ende. Die Zeit bis zu seinem Tod verbrachte er im niederländischen Exil. Seine zweite Frau, Kaiserin-Witwe Hermine von Preußen, starb 1947 – in Frankfurt (Oder).

Ein Protokoll des Stadtkommandanten; Rechnungen der Elektrizitäts-Werke; der Totenschein vom 7. August 1947. Im Stadtarchiv erzählen viele Dokumente vom letzten Lebensabschnitt der zweiten Ehefrau des letzten deutschen Kaisers. „Sie ist unbedingter Teil der Stadtgeschichte“, sagt Archivleiter Ralf-Rüdiger Targiel. An der Oder wurde das Schlusskapitel der Hohenzollern-Dynastie geschrieben.

Hermine, Prinzessin von Reuß ältere Linie, kam 1887 in Greiz, Thüringen zur Welt. Schon als Jugendliche bewunderte sie Kaiser Wilhelm II. wie einen Popstar, auch wenn der Altersunterschied – 28 Jahre – gewaltig war. 1907 heiratete sie Prinz Johann Georg von Schoenaich-Carolath. Hermine zog zu ihm nach Niederschlesien auf das Schloss Saabor. Sie bekamen fünf Kinder. Doch 1920 verstarb ihr Mann.

Zu diesem Zeitpunkt lebte Kaiser Wilhelm II. im zweiten Jahr im niederländischen Exil. Wenige Tage nach Ausrufung der Republik, am 28. November 1918, hatte er abgedankt. Seitdem hoffte Wilhelm auf dem Anwesen in Doorn auf die Restauration der Monarchie. Die Nachricht vom Tod der Kaiserin Auguste Viktoria im April 1921 verbreitete sich in Adelskreisen „wie ein Lauffeuer“, berichtet Christine von Brühl in ihrem 2015 erschienenen Buch „Anmut im märkischen Sand: Die Frauen der Hohenzollern“. Auch Hermine hörte davon, ergriff mit einem Brief an Wilhelm die Initiative. „Endlich war der Kaiser, der Mann, für den sie als Kind geschwärmt hatte, frei. Und wie vom Schicksal gefügt, hatte auch sie zu diesem Zeitpunkt keinen Mann mehr an ihrer Seite“, schreibt von Brühl.

Das Kalkül ging auf. Wilhelm lud sie nach Doorn ein und war so beeindruckt, dass er Hermine nach wenigen Tagen einen Antrag machte. Sie heirateten am 5. November 1922; Hermine wurde Kaiserin ohne Thron. Es folgten 19 Jahre, in denen sie mit daran arbeitete, die Monarchie auferstehen zu lassen. In die Nationalsozialisten setzte sie dabei große Hoffnungen, lud sogar Hermann Göring in die Niederlande ein. Später distanzierte sie sich davon.

Nach dem Tod ihres Mannes 1941 zog sie zurück nach Saabor. Das Kriegsende 1945 verbrachte Hermine bei ihrer Schwester in Roßla im Harz.

Es sei bis heute nicht eindeutig geklärt, wann die Kaiserin-Witwe in Frankfurt eintraf, Mitte Dezember oder Anfang Januar 1946, so Archivar Ralf Rüdiger Targiel. Fest stehe, dass sie auf Befehl des Chefs der Roten Armee nach Frankfurt gebracht und unter Schutzhaft gestellt wurde.

Wobei sie weich fiel. Während in Frankfurt Wohnungsnot herrschte, war sie in einem gut erhaltenen Haus untergebracht. Hermine bewohnte die obere Etage mit ihrem kleinen Enkelsohn Franz Friedrich, genannt Fritzi. Sie verfügte über eine Sekretärin, einen Fahrer und eine Köchin. Im Erdgeschoss kontrollierte ein sowjetischer Leutnant und Dolmetscher, wer im Haus ein und ausging. Festgelegt bis hin zum Kücheninventar war dies in einem Protokoll des Stadtkommandanten. „Gemessen an normalen Maßstäben hatte sie sehr viel –  für jemanden, der einen königlichen Hofstaat gewohnt war, natürlich sehr wenig“, so Targiel. Die Sowjetunion habe sie als Repräsentantin des besiegten Deutschlands angesehen und entsprechend behandelt, um sich keine Blöße zu geben.

Trotzdem litt Hermine unter der Freiheitsberaubung, auch der Hungerwinter 1946/1947 setzte ihr zu. „An allem ist hier Not, ganz besonders an frischem Obst und Marmelade. Wissen Sie da gar keine Möglichkeiten? Ich habe seit vielen Wochen kein Obst gehabt und empfinde es als schmerzlich“, schrieb die Kaiserin-Witwe im November an Hedwig Stoeckert. Die Studienrätin wurde ihr in Frankfurt zu einer engen Bezugsperson wie Maria Baltzer, Witwe eines Weingroßhändlers.

Am 7. August 1947 um 12.25 Uhr starb Hermine in der Etagenwohnung. Ursache war laut Totenschein ein Mandelabszess, der zu akuter Herzlähmung führte. Deutschlandweit schossen  in Zeitungen und Magazinen die Spekulationen ins Kraut. Von einem möglichen Mord war die Rede. Und von der Unterschlagung millionenschwerer, kaiserlicher Juwelen. Beerdigt wurde die letzte, inoffizielle deutsche Majestät neben Auguste Victoria im Antikentempel von Sanssouci. Und zwar im kleinen Kreis. Christine von Brühl schreibt: „Das Haus Preußen war durch den kleinen blondgeschopften Fritz vertreten. Der Dreijährige folgte dem Sarg an der Hand von Sekretärin Ursula Topf.“


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