Lehrauftrag : Russische Jahre in Brandenburg

Umschlagplatz für Millionen: In dieser Kaserne in Frankfurt (Oder) trafen ab 1946 deutsche Kriegsgefangene aus der Sowjetunion ein.  Fotos: Heimkhehrer-Ausstellung/dietrich Schröder
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Umschlagplatz für Millionen: In dieser Kaserne in Frankfurt (Oder) trafen ab 1946 deutsche Kriegsgefangene aus der Sowjetunion ein. Fotos: Heimkhehrer-Ausstellung/dietrich Schröder

Ein Moskauer Professor, der zur Nachkriegszeit forscht, soll an die Europa-Universität nach Frankurt (Oder) eingeladen werden

svz.de von
09. Januar 2018, 05:00 Uhr

Vom Kriegsende 1945 bis zur Gründung der DDR 1949 hatte die Sowjetische Militäradministration in Ostdeutschland das Sagen. Eine abenteuerliche Zeit, aus der noch viele Details nur aus russischen Geheimarchiven zu erfahren sind. Ein Moskauer Wissenschaftler will dabei helfen.

Vom 16. bis 19. April 1945 kämpfte sich die Rote Armee in der Schlacht um die Seelower Höhen den Weg zur deutschen Hauptstadt Berlin frei. Vier Tage später, am 23. April, zogen die sowjetischen Truppen bereits in Frankfurt (Oder) ein. „Die für Frankfurt bestimmte 66-köpfige Kommandantur vom Oberstleutnant Alexejew bis zu den Wachsoldaten stand aber schon lange fest. Sie war bereits im Februar 1945 im polnischen Gniezno (Gnesen) formiert worden.“

Dies ist eins von vielen Details, über die Wladimir Wsewolodow berichten kann. Der Professor an der russischen Akademie für Militärwissenschaften beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Nachkriegszeit. „Die großen Zusammenhänge sind zwar längst beschrieben worden“, räumt der 54-Jährige ein. „Nicht aber die vielen Details auf menschlicher Ebene, die in der offiziellen Geschichtsschreibung früher nur störten“, fügt er hinzu. In einem Vortrag, den der Russe kürzlich auf Einladung des Historischen Vereins von Frankfurt (Oder) und seines Historiker-Kollegen Werner Benecke von der Europa-Universität hielt, gab er schon mal einen Vorgeschmack seines Wissens. „Ich setze mich dafür ein, dass Wsewolodow bald einen Lehrauftrag an der Viadrina erhält, damit wir von seinen Kenntnissen profitieren“, verriet Benecke bei der Gelegenheit.

Die Besatzer hatten sich beispielsweise auch darauf vorbereitet, dass die zweite Ehefrau des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., Hermine von Reuß, noch lebte. Die damals 57-Jährige war im Januar 1945 zwar zu ihrer Schwester in den Harz geflohen, der zunächst komplett von den Amerikanern erobert wurde. Doch nach der Übernahme durch die sowjetische Besatzungsmacht wurde Hermine nach Frankfurt (Oder) gebracht. „Auf Befehl von Geheimdienst-General Iwan Serow wurden sie und ihr Kammerdiener in einer Villa in der Blumenthalstraße interniert“, berichtet Wsewolodow. Ihre Majestät erhielt drei Mal am Tag Essen aus einem Militärhospital und wurde rund um die Uhr bewacht. Trotzdem verstarb sie im August 1947 an einer Entzündung. Ihr Wunsch, im holländischen Doorn an der Seite des Kaisers bestattet zu werden, blieb unerfüllt. Immerhin ermöglichten die Russen die Beisetzung im Antikentempel des Parks von Sanssouci, wo bereits die erste Frau des Kaisers lag.

Um viele andere Menschen wurde weniger Federlesens gemacht. Die neue Grenzstadt an der Oder – um die Überwachung der neuen deutsch-polnischen Demarkationslinie kümmerten sich zunächst ausschließlich sowjetische Spezialeinheiten – wurde zu einem Umschlagplatz für Menschen in alle Himmelsrichtungen, an dem es oft zu Engpässen kam. In der früheren Horn-Kaserne im Westen von Frankfurt wurden einerseits frühere russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf die Rückkehr in die Sowjetunion vorbereitet. Andererseits wurden deutsche Gefangene nach Russland gebracht, vereinzelt Deutsche aber auch schon wieder entlassen. „Im August 1945 saßen fast 45 000 russische Repatrianten in Frankfurt fest, weil Züge für ihren Abtransport fehlten“, hat Wsewolodow aus den Unterlagen der Militär-Kommandantur erfahren.

Diese Dokumente lagern – genau wie die sowjetischen Berichte aus anderen ostdeutschen Städten – in einem Archiv in Susdal, 220 Kilometer östlich von Moskau, das bis heute zu großen Teilen geheim ist. Überall grassierten Krankheiten und Hunger, aber auch der Hass von Russen auf Deutsche und der von Deutschen auf die Kriegsgewinner. „Allein im ersten Halbjahr 1946 wurden in ganz Brandenburg mehr als 30 000 Verbrechen registriert – von Morden über Diebstähle bis hin zu Vergewaltigungen“, weiß der Historiker. Gleichzeitig sollen 1946 in Ostdeutschland auch 63 Besatzungssoldaten getötet und 100 schwer verletzt worden sein.

Als der sowjetische Staatschef Josef Stalin im Sommer 1946 den Befehl erließ, dass kranke und arbeitsunfähige deutsche Kriegsgefangene wieder nach Hause geschickt werden sollen, weil sie der Sowjetunion nur noch zur Last fielen, ergoss sich ein neuer Menschenstrom über Frankfurt (Oder). In einem eilig errichteten Heimkehrerlager trafen bis 1950 mehr als 1,2 Millionen Wehrmachtsangehörige und Zivilinternierte ein.

Die Geschichte dieses Lagers wird vom Frankfurter Museum „Viadrina“ gegenwärtig für eine neue Ausstellung aufgearbeitet. „Die Berichte von Herrn Wsewolodow sind für uns ein Glücksfall“, sagt der Leiter des Museums, Martin Schieck. Zeigen sie doch die russische Perspektive auf das damalige Geschehen.

Auch Wsewolodow ist der Meinung, dass die Folgen des Krieges gemeinsam aufgearbeitet werden müssen, „zumal es in Deutschland wie auch in Russland gegenwärtig schon wieder feindselige Stimmungen gegen das jeweils andere Land gibt“, wie er bedauert. Dabei lägen die alten Schrecken doch gerade erst drei Generationen zurück.

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